AUS DER ERDE

Das Griffbrett schwebt über der Decke. Zart schwingt darunter das Holz. Ein vorsichtiges Drehen an den Wirbeln. Egal wo man ist, überall werden Geigen gleich gestimmt, im Einklang mit den anderen Stimmen ringsum. Nur die Melodien sind anders.

Ich kann überall Geigen bauen.

Annas Weißkohl sitzt in der Kirchenbank und zerdehnt die zarten lila Buchstaben. Die Plastiktüte stammt aus einem Paket von ausgewanderten Freunden. Inzwischen ist sie verblichen wie vieles andere, Fassaden, Jahre, Erinnerungen, Anna benutzt die Tüte für Einkäufe oder eben dazu, Weißkohl mit dem Fahrrad von ihrem Feld zu holen, und die aus der Erde gedrehten Köpfe wanken auf dem Gepäckträger vom Feld quer durch das neue Viertel, über die Brücke und das steile Kopfsteinpflaster zur Kirche hinauf und füllen die leergewordenen Bänke.
Ein paar von den Rosen haben noch geblüht unten an dem Platz, wo das neue Amtsgebäude hätte stehen sollen und wo jetzt ab und zu die Reisebusse parken. Anna holt eine Vase aus der Sakristei und stellt die Blumen unter die geschnitzte Heiligenfigur. Unten im Kirchenschiff macht sich der Weißkohl breit, als ob Marioara dort säße, schwanger mit ihrem dritten Kind, wie in den beiden Jahren zuvor ist Marioara binnen kurzer Zeit so schwer und unbeweglich geworden, daß sie tatsächlich so aussieht, als hätte sie sich einen von Annas Kohlköpfen unter das Kleid gebunden. Die alten Frauen sprechen den Namen nicht richtig aus, sie sagen Maria. Bei der Arbeit trägt Marioara ein Kopftuch und die Haare zum Knoten gedreht wie alle, der Unterschied ist nur, daß ihr Knoten schwarz ist, und daß ihr Mann nicht Hans oder Josef, sondern Vasile heißt.

Anna, komm mit mir, hat Lukas gesagt, auf der Brücke.

Von den hinteren Reihen aus sehen die Blumen immer aus wie Blut an den Schenkeln des Heiligen. Seitdem Martha die Gicht in den Händen hat und nichts mehr tun kann außer die roten Amaryllis zu züchten für den Winter, wenn sich keine Rosen für den Heiligen mehr finden, ist Anna die Mesnerin. Der Pfarrer kommt nur mehr jeden dritten Sonntag, zum Kirchspiel gehören noch zwei Dörfer. Trotzdem ist die Gemeinde klein. Am letzten Sonntag, während Martha teilnahmslos neben ihr nach oben starrte und darauf wartete, daß der Simon an der Orgel das Predigtlied anstimmte und daß ihr Peter in der Fensterecke erschien, hatte Anna die Seelen gezählt, überlegt, in welchen Bänken sie sich in Zukunft einen aus der Erde herausgedrehten Kopf würde vorstellen müssen. Männer waren nur fünf da gewesen beim letzten Gottesdienst, und da hatte Anna schon den Simon mitgezählt, obwohl man den Simon genaugenommen nicht mitzählen darf, weil der ja immer nur kommt, um die Orgel zu spielen. Anna ist die einzige, die Enkelin ist, während alle anderen Frauen in der Gemeinde Schwestern von jemandem oder Witwen nach jemandem sind, oder Mütter von längst erwachsenen und fortgezogenen Kindern. Die Rosen glänzen wie Blutspritzer, die Amaryllis im Winter wie große schillernde Wunden. Anna weiß nie, ob sie etwas davon sagen soll, wenn sie Fremde in die Kirche einläßt, die den Heiligen ansehen und fotografieren wollen, weil er gotisch ist. Die Fremden sehen das Blut nie.

Anna räumt den Besen auf und holt die Plastiktüte. Vor längerer Zeit hat sie darin das Violinkonzert von Brahms nach Hause getragen. Damals hatten die lila Buchstaben eng und schmeichelnd die Plattenhülle umarmt, seitdem hat das Violinkonzert von Brahms für sie die Farbe von Lavendel. Bauer, Cséky und Sohn heißt das Musikaliengeschäft unten in der Stadt, noch immer, auch wenn es lange keinen Sohn mehr gibt. Und auch keinen Cséky, er ist während des Krieges umgekommen, während des Krieges, nicht im Krieg, hier wissen sie um den Unterschied, den Fremden fällt er nicht auf.

Sie schließt die Kirche hinter sich ab und macht sich auf den Heimweg, über die Brücke, wo gestern Lukas gestanden und auf sie gewartet hat.

Die Holzbank vor dem großen Torbogen von Marthas Haus ist heute leer. Anna hat erwartet, daß Martha wie üblich da sitzt und die Sonne genießt, einen Arm um Peter gelegt, sie hat das Recht auf tatenloses Dasitzen, mit der Gicht in ihren Händen. Manchmal hat Martha eine Kreuzworträtselzeitung dabei, oder sie trinkt Kaffee aus einer alten Tasse, einem Mitbringsel von ihrer Hochzeitsreise. Ab und an reicht sie dann Peter die Tasse hinüber, der sich graziös über den Tassenrand neigt, ganz kurz die Zunge in den Kaffee stößt und sie sekundenschnell wieder zurückzieht. Marthas Mann hat auch Peter geheißen. Er war eines Tages, vor drei Jahren ungefähr, in die Hauptstadt des Bezirks gefahren, um etwas bei den Behörden zu erledigen, zurückgekommen war er dann als Toter, Herzanfall, hatte der höfliche Beamte gesagt. Man hat Martha nicht ausreden können, daß womöglich die Behörden bei dem Herzanfall die Hand im Spiel gehabt hatten, Marthas Mann war ein Illegaler gewesen, was immer das heißen sollte, Martha äußert sich nicht einmal hinter der Hand darüber, was illegal an ihm gewesen sein sollte, jedenfalls mißtraut sie Ämtern jeder Art, vielleicht wird sie deshalb weiter unter ihrem Torbogen sitzen, anstatt den Antrag zu stellen und den Zug zu nehmen. An dem Tag also, an dem ihr Mann durch wen oder was auch immer zu Tode gekommen war, hatte Martha den zweiten Peter gefunden, besser gesagt, Peter hatte sie gefunden, naß und schmutzig war er aus dem Gestrüpp am Bachufer gekrochen und hatte sich ohne langes Zögern in Marthas Schoß gelegt. Seitdem ist Martha nicht davon abzubringen, daß der Geist ihres toten Peter in die Katze gefahren war, und sie teilt mit ihm das Bett, läßt ihn aus ihrer Hochzeitstasse trinken, fragt ihn um Rat und erwartet von ihm, daß er mit zur Kirche kommt. Irgendwie findet er auch immer den Weg hinein und sitzt dann im Fenster genau über Marthas Platz.

Anna schiebt das Fahrrad die steile Straße bergab. Die Luft ist heiß und zittert über dem Bach, der als Halbkreis durch die Häuser läuft und den Karrenweg entlang, um dann hinunterzuspringen zum Sägewerk. Auf der anderen Seite der Kirche gibt es eine Stelle, an der sich der Bach um sich selber zu drehen scheint, als zerrt er da immer noch an den Röcken der Frau, die sich dort ertränkt hat.

- Lukas, du sagst komische Sachen.
- Warum komisch.
- Warum jetzt. Warum nicht früher.

Es hätte Anna nicht überrascht, wenn Lukas für ganz weggeblieben wäre, als er verkündete, er würde auf die Landwirtschaftsschule gehen und abends, wenn er Zeit hätte, das Geigenbauen lernen. Schon damals hatten die meisten in der Stadt Koffer unter ihren Betten, hatten ihre Ausreise beantragt und warteten auf den Bescheid. Nur einmal hatten die Leute für kurze Zeit die Koffer vergessen. Das war gewesen, als das Fernsehen bis spät in die Nacht der sprachlosen Nation die Bilder einer wackeligen Kamera gezeigt hatte, die zuletzt auf die absurd kleine Mauer zuhielt, vor der die Leichen des Diktators und seiner Frau lagen, und man atmete auf, als hätte man vergessen, wie man das machte, und man ging zu Bett. Da hatten die Bagger allerdings schon viele von den schönen alten Häusern niedergerissen, für neue Bauten und eine neue Welt. Aber weit waren sie nicht gekommen dabei, von dem Amtsgebäude gibt es nur das Skelett, lange grauweiße Rippen aus stahlverstärktem Beton, die aus dem Boden ragen wie riesige obszöne Eislutscher, geformt aus dem Mark und Bein des Landes, löchrig, und etwas Dickes, Rotes läuft aus den Löchern heraus wie aus Elena Ceauescus Kopf.

Von den Rosenstöcken dort hatten die Bagger ein paar nicht erwischt. Von den geplanten neuen Wohnhäusern ist nur eines tatsächlich gebaut worden, die alten Häuser sind schöner gewesen, fast alle reden davon, wegzuwollen, noch dazu bekommt das Sägewerk immer weniger zu tun, es ist zu abgelegen und das Holz zu teuer. Meistens gehen zuerst die jungen Männer, die jungen Frauen passen auf die Koffer unter den Betten auf, bis der Verlobte schreibt, er wäre jetzt fix angestellt, vielleicht gibt es dann noch eine Hochzeit in der Kirche, und dann ziehen die jungen Frauen die Koffer unter den Betten heraus und gehen mit den jungen Männern fort.

Ich gehe nur auf die Landwirtschaftsschule, weil Vater es unbedingt will, hat Lukas gesagt, ich werde Geigenbauer, Wiedersehen Anna, mit einem Koffer in der Hand hat er auf dem Bahnsteig gewartet. Auch für Anna ist damals ein Koffer vom Dachboden geholt worden, sie hat ihr praktisches Jahr in einem anderen Bezirk machen und sich dort ein Zimmer suchen müssen.

- Ich will nicht gehen, Lukas. Ich will nicht müssen. Verstehst du?
- Es gibt kaum mehr junge Leute hier. Ich meine, solche, denen etwas daran liegt, daß hier -
- Unsinn. Du vergißt Marioara.

Marioara ist schwanger gewesen, als sie und Vasile zugezogen sind, und im nächsten Jahr ist sie wieder schwanger geworden und in diesem Jahr wieder. Anna mag Marioara gern, aber irgendwie kann es nicht ganz richtig sein, daß die Kinder nichts wissen werden von der Frau, die sich im Bach ertränkt hat, oder von Martha und ihrem Kater, vom Militärlastwagen, mit dem sie damals während des Krieges den Cséky abgeholt haben, oder von den blutigen Beinen des gotischen Heiligen. Andererseits, wenn es mit dem Sägewerk wirklich so schlecht steht, wie man munkelt, dann liegt auch unter Marioaras Bett ein Koffer, und auch das macht Anna traurig.
- Ich kann überall Geigen bauen.
- Ja, hat Anna gesagt, und über die Dächer geblickt. Von Dach zu Dach laufen die Stromleitungen als Notenlinien über den Himmel, und mit jedem Vogel, der fortfliegt, fehlt ein Ton in der Melodie.

Er hätte mich früher fragen können, denkt sie, hätte mir vielleicht schreiben können von der Landwirtschaftsschule und vom Geigenbauen, dann hätte ich auf ihn gewartet, auf dieselbe Art und Weise, wie die anderen gewartet haben. Anna ist von ihrem praktischen Jahr zurückgekommen und hat den Koffer wieder auf den Dachboden getragen, anstatt ihn unter das Bett zu schieben und morgens dem Postboten entgegenzugehen, sie bezahlt dafür, daß sie das Pferd und den Pflug eines der rumänischen Bauern über ihr Feld gehen lassen darf, sie verkauft auf dem Markt ihr Gemüse, und es ist gutes Gemüse, und es ist gute Erde, reiche Erde, ihre Erde.

- Und den Simon hast du auch vergessen, hat Anna auf einmal rebellisch gesagt, und an Lukasí leisem Schreck hat sie gemerkt, daß er den Simon tatsächlich vergessen hat. Simon stammt aus dem Süden, aber er hat sich hier ein altes Haus mit Garten gekauft. Jeden Mittwoch, wenn der Zug um halb drei Uhr kommt statt wie sonst um halb vier, fährt der Simon nach Mediasch, um Sämereien einzukaufen oder Maschendraht, und einmal hatte er warme rosa Farbe für die Hausfassade dabei. Er ist Lehrer oder so etwas Ähnliches, auch wenn Anna sich ihn nicht in einer Schulklasse vorstellen kann, niemand hätte vor ihm Respekt. Er spielt die Orgel bei den Gottesdiensten, seitdem Marthas Hände zu gichtig zum Orgelspielen sind, vielleicht ist er Musiklehrer, wer weiß, in den Augen der Gemeindeglieder ist der Simon ein Spinner, oder Schlimmeres, er geht schließlich nur in die Kirche, weil er dort die Orgel spielt. Anna fällt ein, daß sie vielleicht einmal den Simon fragen könnte, ob er weiß, daß der Heilige manchmal voller Blut ist.

Wie wäre es wohl gewesen, überlegt Anna, wenn der Simon gestern auf sie gewartet hätte, und nicht Lukas? Zuallererst hätte er nicht auf der Brücke gewartet, sondern hätte sie gleich in der Kirche abgepaßt, oben auf der Empore, weil er weiß, daß sie sich dort finden würden, und er hätte sie vielleicht tatsächlich gefragt, in seinem brüchigen Deutsch, das er spät und mühsam gelernt hat und das immer anders klingen wird als das ihre.

- Willst du meine Frau werden, Anna?
- Ich, deine Frau?
Vielleicht hätte sie ihn ausgelacht, und er hätte wahrscheinlich zurückgelacht.
- Du sagst komische Sachen, Simon.
- Warum komisch? Du gefällst mir, Anna, ich habí dich gern, lange schon, und sie sieht ihn übermütig ins Kirchenschiff hinunterlaufen und ihr die Rosen aus der Vase überreichen, so, damit du mir auch glaubst, und gewiß hätte er sie geküßt.

Anna richtet sich auf, lächelt skeptisch, gut, das mit den Rosen ist wohl doch zu unwahrscheinlich, aber Simon hätte zumindest gesagt, daß er sie mochte.

Anna tritt in die Pedale und biegt hinter der Brücke ab. Der Bahnhof backt in der Nachmittagssonne. Im Ortsnamen hängt ein Buchstabe schief, vermutlich ist derjenige, der den Nagel hätte einschlagen sollen, in den vorigen Zug eingestiegen, mit seinem Koffer in der Hand. Sie lehnt ihr Fahrrad gegen eine Wand und geht auf das Wartehäuschen am Gleis zu, in dem Simon sitzt, mit einer Zeitung unter dem Arm.

Bring mir bitte Nägel mit, Simon, sagt sie.