DREI SCHWESTERN

Langsam gehen die Erbinnen durch das Haus, bleiben im Wohnzimmer stehen, die Luft ist stickig, es riecht nach Jasmin, Mottenkugeln und vier Wochen Abgeschlossensein. Hermine, deren Tochter, und deren Tochter. Jemand schiebt einen der alten hölzernen Fensterläden zur Seite. Staubiges Licht fällt auf das Familienfoto. Lena, Elsa, Mali, im Hintergrund, wie immer. Lena darf ihr Haar noch nicht aufstecken. Elsa und Mali müssen es. Ab und zu tönt durch das Jugendstilhaus mit den dicht schließenden Fensterläden noch der zitternde, hohe Schrei eines kleinen Mädchens. Nein, Papa, bitte, das leise Echo wird dann von einem Zischen zerschnitten. Es stammt von der Hundepeitsche, die gegen Elsas Beine klatscht. Auf einem kaiserwappengekrönten Zeugnis ist die Eins sorgsam mit einem Tuscheradierer weggerieben und eine Zwei darübergemalt worden. Elsa wimmert leise, während ihr Vater sie schlägt, für das Verbrechen, mit ihrem Cousin nackt im Fluß gebadet zu haben. Ein unauffälliger Mann ist ihr Vater, ein weißlicher Haarkranz und eine Goldbrille hätten ihm vielleicht ein etwas würdevolleres Aussehen geben können. Unglücklicherweise hat er dichtes haar und ausgezeichnete Augen. Fast ebenso ausgezeichnete wie die der Lehrerin, die die beiden Kinder im Wasser planschen gesehen hatte. Die Mutter versucht, die Peitschenhiebe nicht zu hören, sie tun ihr weh. Eine Zwei in Betragen, sagt die Mutter, ich schäme mich für dich. Du hast eine schwere Sünde begangen, sagt der Priester im Beichtstuhl. Du sollst nicht Unkeuschheit treiben. Haben deine Eltern dich auch geschlagen, fragt Mali später ihren Cousin. Nein, wieso? Kannst du mir erklären, was Unkeuschheit ist, Franz? Klar, wenn du mir dafür zehn Heller und dein Bilderbuch gibst.

Malis Blick ist hochmütig, stolz, sehr gerade. Auf Fotos darf sie so aussehen, weiß Mali, da ist an der unpassenden Miene eben der Fotograf schuld, der im unpassenden Moment abgedrückt hat. Lena bemüht sich, nicht auf den Boden zu blicken. Elsa bemüht sich, nicht auf Franz zu blicken. Richard ist gefirmt worden, er hält die Hand seines Firmpaten, Onkel Ludwig. Der Onkel sitzt rechts, die Mutter links, schwanger mit Udo noch ohne es zu wissen, und der Vater ziemlich nichtssagend in der Mitte. Franz, Onkel Ludwigs Sohn, hat sich hinten neben die Mädchen gestellt.

Auf dem Foto vom folgenden Jahr ist der kleine Udo, im Taufkleid, das einzige männliche Wesen, das keine Uniform trägt. Daß der Vater fehlt, merkt man erst auf den zweiten BLick. Elsa hat sich bei Franz eingehakt. Offiziell verlobt, sie trägt einen grauglänzenden Ring, Gold gibt sie für Eisen.

Elsa begleitet Franz an den Krakauer Zug. Die Kameraden fangen drinnen an, Skat zu klopfen, Unter, Ober, König, Daus. Wollen wir zu Weihnachten heiraten, Elsa? Es riecht nach Rauch und nach dem Blumenkranz, der vorne an der Lok hängt, der Zug liegt dampfend auf der Lauer. Jemand pfeift. Drei Lilien, drei Lilien, die pflanz mir auf mein Grab, juvallera. Die Lokomotive pfeift mit, stampft aus dem Bahnhof hinaus, Elsa seufzt, vor Angst oder vielleicht vor Erleichterung.

Nähmaschinenrattern. Ihr seid anständige Mädchen. Ihr braucht nichts zu lernen. Militärkrägen. Helden an der Front, Heldinnen an der Nähmaschine. Im Laden hängen Schilder, Milch und Margarine ausverkauft, Zucker und Persil ausverkauft. Einmal sticht Mali sich in den Finger, Blut sickert in den steifen Stoff, das erste. Die Näherinnen erhalten einen halben Heller das Stück.

Ihr braucht nichts zu lernen, ihr heiratet ja doch. Guten Morgen, Fräulein Lena. Guten Morgen, Frau Koslowski, ich hätte gerne einen Hut für den Winter. Einen grauen. Frau Koslowski trägt Lenas Kopfweite in ein kleines Buch ein. Einige Tage später trägt Lena lange Zahlenreihen in lange Listen ein. Kann ich bei Ihnen arbeiten, Frau Koslowski? Die Buchhaltung für Anfänger liegt aufgeschlagen auf dem Verkaufspult, wenn Lena Hüte zureicht. Sie bringt jeden Morgen einen Scheffel Kohlen von zu Hause mit. Es ist ihr trotzdem noch kalt. Briefpapier knistert. Paul hat die Fahrkarte, liest die Modistin. Wer ist Paul? Mein Neffe. Fahrkarte, so heißt der Heimatschuß. Paul hat eine graue Mütze auf und darunter ein graues Gesicht. Ängstlich gehorteter Kaffee schlägt Wellen im Emailtopf. Wo wohnen Sie, Fräulein Lena, ich bringe Sie nach Hause.

Der kleine Udo krepiert an Tuberkulose und Richard am Isonzo. Schön ist der Hofgarten im späten Frühling, das Orchester im Pavillon spielt. Der ist ganz langsam, der geht vielleicht mit deinem Bein. Ich kann doch gar nicht tanzen. Ich auch nicht, lacht Lena. In der Mitte des Brunnens kniet die Prinzessin aus weißem Marmor, der Froschkönig bringt ihr den goldenen Ball herauf, ich liebe dich, ich liebe dich auch.
Elsa hat aufgehört zu schreiben, seit ihr letzter Feldpostbrief ohne Antwort geblieben ist, sie gibt ihren Ring an Lena weiter. Sammelt Obstkerne, steht auf einem Plakat, mit genauen Anweisungen, wie man die Kerne zu putzen hat, damit sie sich für die Speisefetterzeugung eignen. Der Doppeladler verliert einen Kopf, man sammelt sich auf den Marktplätzen und wartet darauf, daß der Himmel einstürzt, und als er Volk und Land diesen Gefallen nicht tut, weiß niemand mehr etwas anzufangen mit dem angebrochenen Tag und dem zerbrochenen Leben.

Ich weiß nicht, was Sie meinen, Fräulein Lena, es ist doch klar, daß ich Sie nicht mehr brauche, jetzt wo die Männer aus dem Krieg heimkommen.

Franz bringt einen erbeuteten Samowar und kommunistische Ideen aus der Gefangenschaft mit, worauf Elsa aufatmend die Verlobung löst. Sie hat gehört, daß die Ursulinerinnen eine Ausbildung zur Lehrerin bezahlen würden.

Der Arzt schlitzt Malis Finger auf und zieht den Eiter heraus. Ihr Arm liegt in der Schlinge, der Herr sitzt immer noch im Wartezimmer, obwohl er vor ihr dran war. Es regnet, haben Sie einen Schirm dabei, mein Fräulein? Mali hat keinen Schirm dabei. Kommen Sie, trinken wir eine Tasse Tee, oder Punsch, wenn Sie mögen. Eine Visitenkarte in Malis Hand. Der Herr Kommerzienrat wird Sie gleich empfangen. Das Dienstmädchen nimmt Mali den Mantel ab. Ich wollte mich nur bedanken wegen gestern. An der Wand hängen Hirschgeweihe. Schnallen en gros, erzählt Erwin, Schnallen für Gewehrriemen, für Tornister, weiß der Himmel wofür noch, der Export läuft auch wieder an. Können Sie zufällig Französisch? Mali kann Französisch.

Er könnte dein Vater sein, Mali. Ich weiß. Er ist doch verheiratet! Ich weiß.

Such dir etwas aus. Diesen hier, mit den Federn. Sie haben Geschmack, meine Dame, sagt Herr Koslowski und sucht vergeblich nach einem Ring an Malis Hand. Er macht einen Diener vor Mali, als Erwin mit einer Dollarnote bezahlt. Schön ist Nizza im Sommer. Heiß und blau, Mali gewinnt ihren Einsatz am Roulettetisch zurück, der Schweiß bekommt einen ganz eigenen Duft, und einmal liebt sie Erwin im Stehen, an der Wand lehnend in kornfarbenem Chiffon.

Paul ist dem Schutzbund beigetreten. Lena kommt mit zu den Vorträgen im Gewerkschaftsheim. Zum hundertsten Mal, ich kann dich nicht heiraten bei diesem Gehalt. Ich kann doch auch arbeiten, ich bin fast eine richtige Buchhalterin. Meine Frau wird nicht arbeiten gehen, basta.

Sie ist entzückend, sagt Erwin. Elsa verläßt das Kloster, undankbares Geschöpf, läßt sich von uns ein Studium bezahlen und geht dann weg, sie hilft Mali mit dem Kind. Erwin hat das Haus gekauft, zwei Jahre später kann man für denselben Betrag kaum mehr ein Gulasch und ein Krügel Bier kaufen. Bei der nächsten Reise an die Côte d'Azur sitzt Hermine im Auto auf Malis Schoß, vor allem mag sie es, wenn der Hispano-Suiza schnurrend auf den kurvigen Straßen zickezackt und der Vater später im Hotel Pralinen und heiße Schokolade für sie bestellt. Mali trägt weich fließende Kleider und Bubikopf. Elsas Haar wächst wieder. Elsa schämt sich für Mali und bewundert sie, ihrer Meinung nach muß Mali die einzige Frau in ganz Innsbruck sein, die weiß, wie man Muscadet schreibt. Seine Frau ist schwer krank, heiratest du ihn, wenn sie stirbt? Um mich kümmert er sich, um seine Frau kümmert er sich nicht, vielleicht wird er sich um mich auch nicht mehr kümmern, wenn ich seine Frau bin.

Als Paul genug verdient, ist Lena zu alt, um Kinder zu bekommen. Ich will nicht, daß du dich so oft mit der Hermine sehen läßt, der Kommerzienrat trägt seit neuestem so oft weiße Stutzen. Lena schweigt. Beim Sturm von Polizei und Heer auf das Stammlokal der illegalen Schutzbündler wird Paul niedergeschossen, halt den Mund, wenn ich ins Spital gehe, verraten die mich, Lena verbindet ihm den Arm.

Hermine wird etwas lernen, ich habe ja nur gelernt, Krägen zu nähen und mich aushalten zu lassen. Hermine bekommt gute Zensuren auf der Handelsschule. Das mahagoniverschalte Radio tönt in das abgedunkelte Zimmer, daß die Gerüchte von Arbeiterunruhen von A bis Z erfunden seien, daß wir der Gewalt weichen, ich verabschiede mich vom Volk mit einem deutschen Wort und einem Herzenswunsch, Gott schütze Österreich, Erwin und Paul holen die Anstecknadeln mit dem Hakenkreuz unter ihren Revers heraus, Sieg heil.

Nach fünf Uhr morgens wird an der polnischen Grenze zurückgeschossen. Was ist er denn für ein Landsmann, Hermine? Preuße. Der Bräutigam trägt Uniform. Hermine erhält auf dem Standesamt einen goldenen Ring, eine Ausgabe von Mein Kampf und einen Bildband mit dem Titel Heiliges Mutteramt, nach neun Monaten telegrafiert Hermine ins besetzte Frankreich, daß Ute acht Pfund wiegt.

Als Erwin stirbt, im zweiten Kriegswinter, fehlt Malis Name auf der Hinterbliebenenliste, beim Begräbnis starrt sie die kommerzienrätlichen Verwandten an, hochmütig, stolz, sehr gerade, sie hustet. Hermine wird dienstverpflichtet, Elsa muß sich um die kleine Ute kümmern, sie gibt die Hoffnung auf, ihre Gelübde doch noch abzulegen oder sonst noch irgendetwas tun zu dürfen, es geht alles vorbei, zuerst geht der Führer und dann die Partei. Malis Schwiegersohn wird nicht ausgewiesen, obwohl er Reichsdeutscher ist, ihr solltet noch kirchlich heiraten. Mali hustet schmerzrote Flecken auf die weiße Seidenbluse, die Nelken des ersten Friedenssommers überdecken mit ihrem Duft den Blutgeruch. Die neu aufgebauten Friedhofsmauern in der Preglstraße werden frisch schönbrunnergelb gestrichen. Mali stirbt drei Jahre nach Kriegsende an Tuberkulose.

Elsa wirft nie etwas fort, nach dem heißen Sommer zweiundsiebzig fangen die Ostereier zu riechen an. In dem großen rosa Haus, wo man Elsa hinbringt, schweben Wolken im Flur, alle verwechseln Zeit und Raum, sogar die Pfleger. Besuch ist in der Psychiatrie nur einmal im Monat erlaubt, Eichhörnchen turnen im Anstaltspark herum und werden von Utes Tochter gefüttert, irgendwie ist Elsa längst verschwunden, bevor sie am ersten kalten Tag beerdigt wird. Lena verschwindet neun Jahre später auf ähnliche Weise, sie ist lange im Krankenhaus gewesen. Auf einem Tisch steht eine Vase mit getrockneten Nelken, als die Erbinnen langsam durch das Haus gehen, Ute streichelt das englische Teegeschirr.

Jemand nimmt das Foto von der Wand.