KÖNIGSWASSER

Die Messerklinge glänzt im hellroten Fleisch. Der Wirt schneidert den luftgetrockneten Schinken in papierene Scheiben. Ein feiner Sprung in der Keramikglasur schneidet eine Blume in zwei Teile. Der Wirt häufelt auf den feinen Sprung kleine Würfel Ziegenkäse. Der Wirt stellt den Teller und das Brot vor den Gast hin, die Tischplatte ist ungehobelt, aus rohen Bohlen , die Gabel an einigen Stellen schwarz verfärbt. Auf einen kurzen Blick hin geht der Wirt wieder hinter die Theke und kippt einen klaren Schnaps in ein zu groß geratenes Glas.

Der Gast am Tisch hat einen schönen weißen Stiftekopf, und er trägt einen eleganten Anzug, dunkelblau, mit fast unsichtbaren grauen Streifen.

Es hat viel geregnet in letzter Zeit. Das Wasser rinnt durch das frisch zugeschaufelte Grab. Man hat gehofft auf einen kurzen und milden Winter, selbst von den Häusern, die einigermaßen heil geblieben sind, haben allzu viele Löcher im Dach und kein Glas in den Fenstern, die Bewohner, sofern es sie noch gibt, sind notdürftig bei Verwandten untergekommen. Tatsächlich hat der Frost früh ausgesetzt, schon im März, früher hat zu Ostern fast immer noch Schnee auf den Kalkschrofen im Norden und im Osten gelegen, und die Hirten kämpften gegen eiskalte Winde an, wenn sie ihre Herden die Bergpfade aufwärts trieben. Dieses Jahr ist es nicht mehr kalt genug gewesen, als der Regen kam, und das Wasser ist die Hänge hinuntergelaufen und durch die Risse in dem Rückhaltebecken für die giftigen Abwässer. Die Fabrik liegt jenseits der Grenze, von den Bauern ist noch nie jemand so weit flußaufwärts gewesen, den Arbeitern dort tropft Säure von den Fingern, wenn sie nach ihren Verrichtungen die Wasserhähne aufdrehen und sich die Hände waschen. Es heißt, ein Pilot habe sich verflogen und seine Bomben auf der falschen Seite abgeladen, sie haben die Betonmauer zwar repariert, aber eben nur notdürftig, für eine gründliche Reparatur fehlt das Geld und für einen zweiten Mauerring für den Notfall erst recht. Königswasser nennt man ein Gemenge aus Salpetersäure und Salzsäure, im Verhältnis drei zu eins, es kann selbst Gold auflösen, wegen seines hohen Gehalts an freiem Chlor. Die Säure strömt von den Fingern der Arbeiter den Fluß hinunter, der Regen wäscht die Erde von den Steinen und den blutigen Ruß von den Häuserruinen, die Leute im Dorf verfluchen ihre naiven Hoffnungen, als die Hufe der Schafe im Schlamm versinken und der geschwollene Fluß Fische mit geschwollenen weißen Bäuchen an die Ufer wirft.

Die weißen Bäuche liegen schweißig im Schlamm, außer Atem vom Tanz über die fünfhundertjährige Brücke, die seit dem Artilleriefeuer im Fluß ihren Bogen spannt statt darüber hinweg.

Das Wasser aus dem Fluß rinnt durch die Augen, die Zähne, durch das frische Grab, die Schädel, die funkelnden Erinnerungen der Toten sickern in die warme weiche Erde.

Etwas schimmert in sie hinein. Sie blinzelt. Verstört starrt sie in das Funkeln über ihr. Es ist lange her, seit sie zuletzt Sterne gesehen hat, sie versucht sich zu erinnern. Sie würgt, etwas verstopft ihr den Mund. Vorsichtig versucht sie, ihren Arm zu bewegen, es geht mühsam, aber es geht, sie schiebt einen Finger zwischen die Zähne und kratzt etwas Klumpiges aus ihrer Kehle, wie halbgares Fleisch. Sie weiß nicht recht, ob sie husten kann, sie probiert es, es klingt bekannt, sie lächelt. Sie rappelt sich hoch und stürzt sich auf ihren Unterarm. Das eigenartige Funkeln ist ein Stück weit von ihr entfernt, aber nicht allzu weit, vielleicht würde sie es im Knien anfassen können.

Seine Familie war eine der ersten, die ein Radio besessen hat, allerdings hatte das wenig zu bedeuten, denn in einer guten Familie gehört das Wort dem Vater, der Vater bestimmt, wann das Radio eingeschaltet wird und aus wessen Stimmen sich die Welt zusammensetzt, wer etwa sagt und zu wem. Es ist auch der Vater, der entscheidet, für welchen seiner Söhne es an der Zeit ist, eine Frau zu nehmen, und wessen Tochter er zur Frau nehmen wird. An die Töchter richtet nie jemand das Wort, sie fügen sich und gehen in die Frauenkammern, und eine geht leise aus der Kammer in den Hof und durch das Tor seiner Schafherde hinterher, breitbeinig sitzt sie auf einem Stück Fels und betrachtet mit gelassenem Blick seine Schafe und sein Gesicht, du bist schön, dich will ich haben, hört er sie sagen, als er es sagt. Wenn es ein Mädchen wird, soll es Zaide heißen, sie streichelt seine Wangen und er die ihren, hart sind sie vom Wind. Sie röchelt auf ihrem Bett, die Uralte schneidet seine Locken in die Glut und füttert die todmatte Gebärende mit den verkohlten Haaren des Kindsvaters. Auch das rettet sie nicht.

Dicke weiße Flocken brennen seine Kopfhaut auf, Asche.

Als Kind faszinieren ihn die Aufnahmen im Schaufenster des Fotografen in der Stadt. Als im Nachbarort ein Wissenschaftler mit seinen Leuten auftaucht, dient er sich ihm als Fahrer an, er schleppt auch Steine, und er spricht beide Sprachen, seine und die von den Nachbarn im Nachbardorf. Der Assistent des Wissenschaftlers leiht ihm seine Kamera.

Als die Nachbarn in sein Dorf kommen, haben sie Kalaschnikows im Anschlag, und sie treiben die Bewohner zusammen, in das Versammlungshaus. Die beiden alten Männer, die versuchen, zu verhandeln, die Milizleute beschwören, doch wenigstens die Frauen und die Kinder gehen zu lassen, führen sie sofort ab. Auf die übrigen feuern sie, bis sich nichts mehr regt und das letzte Wimmern verstummt ist.

Er ist weit hinten gestanden, dicht neben dem Fenster. Er blutet, sein Bein und seine Augen fühlen sich an wie zerrissen, aber die anderen Kugeln haben die Leichen abgefangen, die über ihm zu liegen gekommen sind. Als er von draußen nichts mehr hört, kriecht er auf das Fenster zu. An der Mauer steht ein Heuwagen. Die beiden alten Männer müssen an der Weggabelung ihr Grab selber ausheben, bevor sie hineingestoßen und erschossen werden. Kurze Zeit später kommen die Mörder mit Verstärkung wieder und legen Feuer an die Häuser. Das Heu auf dem vollbeladenen Wagen fängt zu qualmen an. Er wühlt sich nach unten, preßt sich auf die Planken, verschränkt die Arme über dem Kopf, stöhnt. Das Pferd schreit, als müsse es für die Toten im Versammlungsraum schreien. Der rauchende Wagen rumpelt die Dorfstraße hinunter. Sein Gehirn tastet die Wegbiegungen ab. Der Geruch seines verbrannten Lebens steigt ihm in die Nase. Im Wald, ein paar wenige Kilometer vom Dorf entfernt, wagt sich der Schatten eines Schuhs unter dem Heu hervor, der Schatten von zwei Schuhen, gefolgt von den Schatten zweier Beine, eines Rumpfs, eines ungefügen Etwas. Ein Schatten, kein Mensch mehr, denn ein Mensch hat, wo schon keine Zukunft mehr, dann doch eine Vergangenheit, rollt unter das dunkle Lid einer Tanne. Menschen, die seine Sprache sprechen und Richtung Grenze fliehen, nehmen ihn mit.

Sobald es zu regnen anfängt, wird das Wasser durch die Schädel der Toten fließen, die sich an alles erinnern können, an die alten Mythen und an die neuen.

Sie spürt etwas neben sich, das sich in der Dunkelheit wie ein Brett anfühlt, aber es scheint lose zu sein, sie kann es mit einer Hand beiseite drücken. Sie zieht den Saum ihres Kleides hoch, damit es keine Flecken bekommt, sie hat ihr langes weißes Kleid an, es riecht ein wenig muffig, als hätte sie es noch feucht in den Schrank gehängt. Verblüfft streicht sie über das Funkeln, es sind Blüten, kleine zarte Blüten, nur daß sie härter zu sein scheinen als früher, als wären sie Glas, oder Diamanten. Sie tastet weiter, die Blüten sitzen auf hauchzarten kleine Stielen, und die Stiele setzen sich fort in Zweigen, und die Zweige in Ästen, knorrigen Ästen.

Eine Zeitlang darf er an der Grenze bleiben, man gibt ihm zu essen. Als er seinen Hunger gestillt und sich daran gewöhnt hat, daß er eine Hauswand berühren kann, einen Löffel oder seinen stramm bandagierten Oberschenkel, setzt er sich in den klapprigen Bus. Die Tiere im Dorf gibt es noch, und den Kirschbaum. Der Kirschbaum fällt ins Auge, nur dieser eine Kirschbaum hat diese besonders geformten Astgabeln, unter dem Kirschbaum haben sie die Toten bestattet. Der Stier steht in herrischer Denkmalshaltung im Windfang, von dem es nur noch die beiden Seitenwände gibt. Schafe haben sich am Brunnen eingefunden und rupfen Grasbüschel wie Neuigkeiten, eine Henne flattert bei jedem ungewohnten Geräusch unter ein ausgebranntes Autowrack. Der Esel schüttelt den Kopf, er ist nicht zuständig und weiß auch nicht, wer zuständig sein könnte. Eine Ziege stöhnt, ihr Körper sitzt auf einem Sack Schmerz. Er versucht, die Häuser mit seinem Blick neu zu bauen, zumindest Fenster und Türen, wenn auch das Mauerwerk dazwischen durchlässig ist und verschwindet, sobald er die Augen abwendet. Dann bemerkt er den Hund, der an einem Knochenstück nagt. Der Knochen ragt aus einem Jackenärmel. Der klapprige Bus hält in der kleinen Stadt, dort steigt er aus.

Der Versuch, sich zu erinnern. Er hat den Wissenschaftler fotografiert und den Assistenten in seinem provisorischen Labor, er hat Fotos von einer Hochzeit gemacht und von seinem alten Vater, die Brücke zu fotografieren hat er nicht für lohnend gehalten, ihr mächtiger Bogen ist ihm zu unendlich erschienen dafür. Das letzte Foto seiner hochschwangeren Frau hat sich allerdings nach dem Entwickeln als überbelichtet erwiesen, ihre Züge verschwimmen in seiner Erinnerung, es bleiben nur die Spur ihrer Augen und ein schwarzer Mund vor den Umrissen einer geisterhaften weißen Gestalt. Inzwischen erinnert er sich nicht einmal mehr richtig an das Foto. Die Erinnerung krümmt sich in den Flammen.

Er beschließt, sich Zukunft zu besorgen, er überlegt sich lange, wie er in Zukunft aussehen möchte, er steht früh auf und ist morgens der erste beim Gebäude, wo das Rote Kreuz oder sonst eine mildtätige Organisation Kleider ausgibt. Beim fünften Mal findet er den Anzug, dunkelblau mit fast unsichtbaren grauen Streifen, erstaunlich elegant und kaum getragen, er paßt, als hätte jemand ihm Maß genommen. Auf einem Marktstand wird ihm dann Vergangenheit angeboten, er kauft sie sich, obwohl er wenig Geld hat. Er kauft ein Fotoalbum. Die alten Bilder von einem anderen Krieg sind jung und unverwundbar, als hätte der Krieg selber sich erinnert, sie haben rundherum weiße Zacken wie kostbare Rahmen. Wertgegenstände. Zwei junge Männer in Uniform, lachend auf einer blühenden Margaritenwiese. In einem Saal wird gefeiert, um die Lampe sind Papierschlangen gewunden, vier oder fünf junge Leute strahlen ihn an, ein Uniformrücken sitzt am Klavier. Er sucht nach den Augen seiner Frau. Das Gesicht steht starr über dem Strick, der Hals ist unnatürlich in die Länge gezogen, vor der Brust baumelt ein Pappschild. Das kurze Haar hat nichts zu bedeuten, es ist ungeschickt geschnitten worden von jemandem, der ganz offenkundig nicht Haare schneiden kann, der junge Partisan kann genausogut ein Mädchen sein.

Sie findet Halt in der Rinde, zieht das Bein nach und klettert an dem Kirschbaum, der nach unten in die Erde wächst, nach oben. Die Wurzeln des Kirschbaums, der in die Erde nach unten wächst, stoßen an die Wurzeln des Kirschbaums, der aus der Erde nach oben wächst.

Sie steht auf dem Friedhof. Die Erde unter ihren Füßen ist feucht und weich, glänzend vom Mond. Sie fragt sich, wo ihre Schuhe geblieben sind, sie wäre niemals ohne Schuhe aus dem Haus gegangen, dann entschließt sie sich, sich trotzdem auf den Weg zu machen. Obwohl sie barfuß ist, spürt sie die kleinen scharfen Kiesel nicht unter ihren Sohlen. Erst als die Brücke nicht da ist, wo sie hätte sein sollen, bleibt sie erschrocken stehen - ein merkwürdiges Erschrecken, sie glaubt zu bemerken, daß sie keineswegs heftig Luft holt - , aber ihre Verwirrung dauert nur so lange, bis sie den Geschmack des Gedächtnisses der Toten schluckt und weiß.

Er weint in die Kissen. In seinen Träumen geht er immer wieder hinaus in den lichtdurchschienenen Hof, Hammer und Meißel in der Hand. Im Hof steht ein gewaltiger Block aus einem  glasharten, milchiggrauen Stein. Er setzt den Meißel an und hämmert auf den Block ein, die Kopfschmerzen schießen aus seinen Augen, die Mauern umkreisen ihn und rücken immer näher. Sie tun mir ja leid, sagt die Zimmerwirtin, aber wenn das so weitergeht, müssen Sie sich woanders etwas suchen. Fast jeden Tag beschwert sich jemand über den Lärm.

Der Wind fährt in die Kirschbaumäste, weiße Flocken, wie Asche, wehen zum Fluß, sie folgt ihnen, und die Kirschblüten tragen sie sacht hinüber ans andere Ufer. Aus dem nächtlichen Wasser leuchtet das Wissen um die Brücke.

Bist du es?

Ja.

Du mußt sie zeichnen, sagt sie leise, die Brücke.

Er schiebt sich hastig Ziegenkäse in den blutenden Mund.

Ich kann mich doch kaum erinnern -

Sie gießt ihm Wasser aus dem Steinkrug in sein Glas.



Anmerkung: Dieser Text gewann den 1.Preis im Wiener Werkstattpreis 2000.