ABSOLUT

Der Unterschied zwischen Dorf und Stadt, schreibt Johannes in sein Aufsatzheft und zupft an den Borsten vor seinem Ohr, ist außer ordentlich groß.

Es fängt damit an, daß im Dorf, im Unterschied zur Stadt, Linden an der Hauptstraße stehen, die im Sommer blühen.

Im Dorf kann man, anders als viele meinen, nicht gut Indianer spielen. Es gibt nämlich, anders als viele meinen, keine Gärten im Dorf. Im Ortskern sitzen die Häuser eng aufeinander und lassen sich gerade so viel Raum, daß es für Drahtzäune reicht und für schmale Streifen Grün. Dort wird Müll abgeladen, oder die Hausfrauen pflanzen Stiefmütterchenrabatte an und spannen zwischen zwei angerostete, T-förmige Eisenstangen eine Wäscheleine. An einem der Tís schwingt eine Schaukel, Marianne stößt sich vom Boden ab und in die Luft. Hin und wieder springt sie ins Gras und macht Knoten in die Seile, weil ihre Beine länger geworden sind, und als Marianne Traum oder Tanz oder Tadel, mit T, buchstabieren kann, klatschen die Schuhsohlen gegen die Hauswand, und die Schaukel wird abgehängt und verschwindet unter den Dachgiebeln.

Weiter draußen gibt es keine Landschaft mehr, auch die Legende nicht, dafür hat jedes Haus vor der Tür seine eigene Landschaft oder das, was die Besitzer dafür halten, und jede dieser Landschaften hat in der Mitte ein sumpfiges Loch mit einer Plastikwanne darunter. Die Straßen im Neubaugebiet existieren im wesentlichen nur als matte lilagraue oder sepiafarbene Kopien, die Autos machen sich schon im Morgengrauen auf den Weg, lange bevor sie im Tageslicht Farbe bekommen, und wenn sie abends der Reihe nach zurückfinden, dann wieder als gleichfarbige Schatten, abends gibt es keine Sonne mehr. In den sumpfigen Löchern stehen Fische, die Landschaftsbesitzer sind pikiert, wenn sich womöglich Gelsen einstellen. Ab und an geht eine Tür, ein Schlüssel dreht sich im Schloß, und das einsame Wasserfräulein klettert vorsichtig ans Ufer, sieht sich kurz um und eilt dann die Straße hinunter, vom Licht in den Häusern angezogen, zum Pfarrhaus, in dessen Hinterzimmer die Jungschar zusammensitzt oder der Gesangverein für das alljährliche Herbstfest übt. Nach der Chorprobe erscheinen Biergläser auf dem Tisch oder eine Kanne Trollinger macht die Runde, das Wasserfräulein lacht schallend, als jemand eine schnurrige Geschichte erzählt, und erschrocken springt es auf und macht sich hastig davon, als es auf Mitternacht zugeht und Richard auf seiner Gitarre ein leises, zartes Lied anstimmt. Immer wieder geht das so, bis einer der jungen Burschen auf die Idee kommt, die Zeiger der Uhr um eine Stunde zurückzustellen.

Auf dem Dorf gibt es gewöhnlich so jemanden wie Sibylla, die einmal das hübscheste und umschwärmteste Mädchen der ganzen Gegend war und nach der sich alle Burschen die Augen ausgeguckt haben, wenn sie aufs Feld ging. Damals hat es in den Drei Linden noch einen Tanzboden gegeben, und Sibylla hat keinen Tanz ausgelassen und es besser verstanden, ihre Röcke über die Bretter wirbeln zu lassen als alle Tänzerinnen in den Filmen, die man im Kino in der Kreisstadt hat sehen können. Im ganzen Dorf ist leidenschaftlich gestritten worden, wer die Sibylla am Ende bekommen würde, der Hermann oder doch der Josef, und Wetten wurden nur deshalb nicht abgeschlossen, weil der Pfarrer so ein saures Gesicht deswegen zog. Dann bekam Sibylla ein Kind, ohne verheiratet zu sein, getraut wurde sie erst im Krieg, als Hermann Fronturlaub hatte, und fortan stritt man sich, ob es sich bei dem kleinen Peter nun um den Sohn von Hermann handelte, der aus Rußland nicht mehr zurückkam, oder nicht vielmehr doch um das Kind von Josef, besser wäre es allemal, mit Hermann war Sibylla um drei oder vier Ecken schon verwandt gewesen, und der Josef ist ein schöner Mann, immer gewesen, fragt sich nur, wo eigentlich alle ihre Augen gehabt hatten. Irgendwann jedenfalls halten sich nur noch die Alten diese Geschichte warm, die Jüngeren mokieren sich eher über Sibyllas fast militärischen Tagesablauf, sie steht jeden Morgen um halb sieben Uhr auf und verrichtet jeden Handgriff zu einer festgelegten Zeit, sie bricht um ein Uhr mittags zu einem Gang in den Nachbarort auf und kehrt pünktlich um drei Uhr zurück, um drei Uhr zehn, wenn das Kopftuch am Haken hängt, ist es dann Zeit für ein kleines Glas Weißwein oder einen Schnaps. Es heißt sogar, sie schaltet den Fernseher genau um halb acht Uhr ein und um neun Uhr aus, egal welche Sendung läuft und egal ob sie um neun Uhr zu Ende ist oder nicht, und die halbgesehenen Filme spinnt sie dann selber weiter, halblaut vor sich hin redend, erfindet sie neu, ehe sie bruchlos in flatternde Halbschlafträume übergehen.

Anders als viele meinen kann man auf dem Dorf auch schlecht spazierengehen. Rund um die Kirche in der Mitte stehen Pfarrhaus und Kantorat, Rathaus und Gasthaus und Schulhaus. Es gehört sich so. Die Häuser gehören einander. Aus Johannesí Schläfe wächst eine dünne schwarze Strähne, er schiebt sie mit der Hand nach hinten und schreibt kratzend weiter. Die Gassen sind eng und Sibyllas leergestorbenes Haus noch nicht renoviert, in vielen der schmalen grünen Streifen liegen zerbrochene Ziegel, bodenlose Töpfe, ein unbrauchbar gewordener Kohleherd und die eine oder andere Fahrradfelge, deren Kranz fehlt, das hält ab vom Spazierengehen, selbst wenn die schwarzen Andreaskreuze aus Fachwerk nicht den Schatten der Drahtzäune schlucken und den Weg unpassierbar machen würden. Aus den beiden letzten Häusern am Nordrand und den beiden letzten Häusern am Südrand hängt die Durchfahrtsstraße heraus, die losen Enden eines ungebundenen Schnürsenkels. Auch das ist nichts zum Spazierengehen, leicht erweckt hier ein Spaziergänger den Eindruck, diese Welt wäre ihm nicht genug. Zur rechten Hand liegen die Zuckerrübenfelder und die Maisfelder, durch die Zuckerrüben geht man dann, wenn man ein Ziel hat, etwa wenn man eine Abkürzung zum Sportplatz nehmen will, ansonsten geht man über Land und keiner kann sich vorstellen warum, es sei denn man ist ein Kind und man spielt Indianer im Mais. Bliebe also nur der Wald auf der anderen Seite, in dem sich schlechte Nachmittage recht gut ertragen lassen, allerdings mit dem Nachteil, daß oft das halbe Dorf zur gleichen Zeit dieselbe Idee hat und man in seiner Traurigkeit ständig den jungen Frauen mit Kinderwagen über den Weg läuft, oder den Rentnern mit Hund, Halbwüchsigen auf Inlineskates und der Joggerin mit den blond gefärbten Haaren.

In den Küchenradios läuft überall derselbe Sender, ansonsten bekämen die Stiefmütterchen Kopfweh.

Sibyllas Vater ist Mitglied des Gesangvereins gewesen und Kirchengemeinderat in der fünften Generation, demgemäß singt der Verein bei Sibyllas Beerdigung. Der Küster dirigiert den Chor, ein sanfter stiller Mensch, der sich sein Leben lang nie zugetraut hat, eine Stimmgabel zu benutzen und nur mit Hilfe des Kammertons a den kompletten Akkord aufzubauen. Mit dem Pfarrer wird die Auswahl der Lieder abgesprochen. Als Johannes die Stimmpfeife nicht unter dem Krawattenknoten hängen, sondern auf dem Notenständer liegen sieht, holt er unbemerkt eine Handvoll Sand. Der Dirigent hebt die linke Hand zum Einsatz und setzt mit der rechten die Pfeife an, der Baß wartet vergeblich auf den Grundton. Johannes strahlt erwartungsvoll, der Dirigent versucht es noch einmal, auch diesmal hört die Gemeinde nur ein leises Knirschen wie von raschen Schuhen auf Dielenbrettern, indigniert drehen sich die Hälse Richtung Sarg, blutübergossen senkt der Dirigent den Blick, er nestelt an seiner Krawatte, den Riemen über den Kopf zu streifen und die Pfeife zu schütteln wagt er nicht. Schließlich erbarmt sich eine resolute Sopranistin, sie holt tief Luft und grüßt zum letzten Mal das stille Tal, die anderen Stimmen fallen der Reihe nach ein. Als der Sarg in die Grube hinabgelassen ist, hat das Dorf zu den richtigen Harmonien zurückgefunden.

An und für sich ist es nicht schwer, das Dorf zu finden, vorausgesetzt, man hat den Fahrplan der Busse gründlich studiert. Früher hatten die Busse schlichte einstellige Nummern, heutzutage steht hinter der Nummer ein Schrägstrich und danach eine weitere Ziffer. Ins Dorf fährt nicht jeder Bus Nummer neun, man muß den Bus Nummer neun Schrägstrich drei nehmen, andere Nummern mit anderen Ziffern fahren in andere Orte.
Anders als in der Stadt, wo auch Schüler, die in der gleichen Straße wohnen, sich auf die verschiedensten Schulen verteilen, gehen die jungen Leute aus dem Dorf fast alle auf dasselbe Gymnasium, und selbst die, die den Lateinkurs nicht besuchen, müssen auf denselben Bus warten, also spuckt der Bus alle Zehntklässlerinnen gleichzeitig aus, und alle haben denselben Weg nach Hause. Die Mädchen ähneln einander, die meisten tragen lose Hemden über Jeans und Turnschuhe mit überdimensionierten Sohlen. Ihre Haare sind in der Mitte gescheitelt und wachsen in der üblichen Zeit vom Kinn zu den Schultern. Daß die Mädchen einander ähneln, liegt nun nicht daran, daß es im Ort nur ein Modegeschäft gäbe und einen alten Dorffriseur, der seine Meisterprüfung noch vor der Reichshandwerkskammer abgelegt hat und nur eine Frisur kann, vielmehr gibt es überhaupt kein Modegeschäft im Ort und die Friseuse ist jung, aber mit dem Fernsehen funktioniert das fast genauso gut, fast alle sehen dieselben Serien. Die Mädchen klingeln an den Haustüren und werden von ihren Müttern begrüßt, bei denjenigen, deren Eltern beide auswärts arbeiten, öffnen die Großmütter. Was habt ihr heute gemacht, kommt da und dort die Frage, Melanie oder Lena oder Vanessa stolpert aus den Schuhen und murmelt, Ablativus absolutus. Absolutus heißt losgelöst, und weil die Mutter oder die Großmutter sich nicht näher erkundigt, die Frage wohl mehr pflichtschuldig gestellt war, schiebt sich Melanie oder Lena oder Vanessa ohne weitere Erklärungen an den Tisch und beginnt, die Tomatensuppe zu löffeln.

*

Auch Johannes scheitelt sein Haar in der Mitte, es wächst ihm über den Kragen, erst lockig, später geht der Schwung verloren, als es immer länger und schwerer wird. Es ist die Sorte Haar, die einem wächst, wenn man nicht weiß, was man mit sich anfangen soll, was immer man tut, es raspelt einem die Wangenknochen in eine andere Form oder zwingt einem die Augen auf, man kann sich nicht ausmalen, wie man aussieht mit verändertem Gesicht. Also tut Johannes lieber gar nichts, in seinem Nacken hängt der Zopf, schwarz, armdick.

Städte sind sich ähnlich, wegen der überall gleichen Neonschriftzüge. Dörfer nicht. Das Dorf sieht keinem anderen Dorf ähnlich, weil man in einem anderen Dorf nicht zu Hause ist.

Das Dorf hat einen Bürgermeister, den man im Dorf auch Schultes nennt, es sei denn, es ist bereits eingemeindet und Vorort geworden. Auf dem Kopf des Bürgermeisters wachsen die Beine zahlloser grauer und weißer Fliegen. Wenn der Bürgermeister etwas durchgesetzt haben will, sieht er Marianne zu, wie sie den Briefbogen mit der Weintraube im Wappen über die Schreibmaschinenwalze dreht, und diktiert, der Gemeinderat habe beschlossen dies, das, außerdem und die Neugestaltung der Gemarkung Obere Weide sechs. Bei der Gemeinderatssitzung am nächsten Tag wird in Anbetracht der sommerlichen Hitze Weißbier von Gasthaus zu den Drei Linden heraufgebracht. Nach Begrüßung und Protokollverlesung wird über dies, das und außerdem debattiert. Einige Zeit später telefoniert der Kämmerer - seine Fliegenbeine sind blaßgelb - nach der zweiten Runde, der Protokollführer - seine Fliegenbeine sind rötlichbraun - bestellt dazu eine Aufschnittplatte und stopft sich während des Schreibens Wurst und Gurke in den Mund. Peers Alfons - er heißt so, weil sein Vater Josef Peer noch lebt und die meisten immer noch den achtjährigen Lausebengel oder den Jungfeuerwehrmann vor sich sehen, wenn von ihm die Rede ist - leert sein Glas und geht austreten, nachdem dies, das und außerdem beschlossen worden ist. Über der Neugestaltung der Gemarkung Obere Weide sechs werden erwartungsgemäß die Fliegenbeinköpfe hin und her gewiegt, einer bringt die chronisch knappen Finanzen ins Spiel, einer liefert seinen Standardsatz ab, also unbedingt nötig wäre das nicht. Der Bürgermeister wartet so lange ab, bis der Protokollführer sich beklagt, einer nach dem anderen, bei so einem Durcheinander könne ja kein Mensch Protokoll führen, dann präsentiert er sein sauber getipptes Papier, und ein eventuelles aber wir haben doch gesagt nicht wird mit einem ruhigen aber hier steht es doch in das Reich der Fabel verwiesen.

Im Jahr dreiunddreißig sind die Vorgänger der jetzigen Gemeinderäte geschlossen der Partei beigetreten.

Abgesehen vom Bürgermeister - manchmal anstelle des Bürgermeisters, vor allem wenn das Dorf schon eingemeindet ist - hat Peers Alfons im Ort am meisten zu sagen. An dem bröckelnden Ocker des Hauses Friedhofstraße einundzwanzig lehnen fünf übereinandergestellte Käfige. Die Schatten darin sind grau, ihre Ohren wachsen nach unten statt nach oben, eine seltene Rasse, ab und an lugt ein Schatten verständnislos durch die Gitterstäbe nach draußen. Peers Alfons ist Erster Vorsitzender des Kleintierzüchtervereins. Peers Alfons bläst bei allen Veranstaltungen, die Blasmusik erfordern, das Horn, recht anständig, er ist Zweiter Vorsitzender des Blasmusikverbands. Bei der freiwilligen Feuerwehr ist er Fahnenwart. Es gibt keinen Verein am Ort, bei dem Peers Alfons nicht mindestens im Beirat sitzt. In der Stadt kennt keiner seinen Nachbarn und beläßt es dabei. Auf dem Dorf kennt man einander, zumindest glaubt man das.

Ins Dorf kommt man anders als in die Stadt. In der Stadt geht man, wenn man einen Parkplatz gefunden und seine Koffer ausgeladen hat, in Volkshochschulkurse oder in Bars, je nach Temperament, oder man verläßt sein Büro ohnehin nur zum Übernachten. Sobald Georg im Dorf seine Koffer die Treppe hochgetragen hat und in den Drei Linden müde seinen ersten Schoppen leert, kommt er rasch mit einem Alteingesessenen ins Gespräch, der ihm die Vereine nahelegt und die Kirchengemeinde, zur Not tut es auch die jeweils zuständige Jahrgangsvereinigung. Der Wein funkelt im Glas, er liegt angenehm auf der Zunge, man wird bald einander kennen. Wir machen nächsten Monat einen Ausflug, Sie kommen doch mit? Entschuldigen Sie, wenn ich Sie so einfach anspreche, aber wir brauchen dringend noch jemanden, der die Halle mit dekoriert für die Erntedankfeier. Ich habe Sie letzten Sonntag im Gottesdienst gehört, Sie haben einen schönen Bariton. Ausgezeichnet, die Oboe ist seit Jahr und Tag unbesetzt bei uns. Dann hängt die Mutter von zwei lebhaften Söhnen, die der Kinder wegen zu Hause bleibt, tagsüber allein ist und von engen Stiefeln mit stabilen Schnürsenkeln alpträumt, die Gestecke aus duftendem Mädesüß über die Festbühne, und der Angestellte, der in seinem Büro in der Stadt für die Bestellung von zwei Bleistiften den Segen von Unterchef und Oberchef einholen muß, trägt nach einer Probezeit, die niemand so nennt, die dunkelrote Weste mit den Silberknöpfen und dem Wappen mit der Weintraube und weiß, daß er nie wieder wird gehen wollen.

Ganz zum Teil des Dorfes wird man allerdings erst dann, wenn man es zustandebringt, auch dort zu sterben. Dörfler, im Gegensatz zu Städtern, lernen von Geburt an, daß der Friedhof Teil von ihnen selbst ist. Wer nicht gerade das Pech hat, den Ort vor seinem Tod verlassen zu müssen, liegt irgendwann auf dem letzten Stück Erde im Dorf, hinter der Aussegnungshalle, einer gräßlichen Betonmißgeburt aus den siebziger Jahren, die Peers Alfons demnächst mit Parkett auslegen lassen will, auf daß der Gesangverein wenigstens nicht wegen des nackten Estrichs kalte Füße bekommt, wenn es schon so mühsam mit der Tongebung ist, mit etwas Begabung im Rechnen kann man sogar seinen Platz vorhersagen. Auf dem Friedhof geht es eng zu wie im Dorf selbst, schließlich teilen ihn die Toten in den Gräbern mit allen jenen, die irgendwo weit weg den Heldentod gefunden haben, auch wenn sie ihn nicht direkt gesucht haben. Ein Feld der Ehre in der Tat, die Leute im Dorf betrachten es durchaus als Ehre für den Toten, wenn er auf ihrem Friedhof begraben wird. Sobald der Name auf dem Grabstein steht, gehören die Kinder dazu.

Der Gesangverein nimmt auf der Empore Aufstellung, in wenigen Wochen ist Kirchweih. Wir proben noch einmal ohne Begleitung, der Organist ist unpäßlich. Georg, den einer seiner neuen Nachbarn auf seinen schönen Bariton hin angesprochen hat, singt zum zweiten Mal mit. Man hat sich arrangiert im Laufe der Jahre, der Dirigent lauscht nervös der Stimmgabel, als fürchte er, ihre Spitzen würden sich im nächsten Augenblick durch sein Trommelfell bohren, die Sänger verlassen sich auf die Merkfähigkeit zumindest der Stimmführer, die ihre Töne von Probe zu Probe und über Monate hinweg im Kopf behalten. Der Dirigent, der sich eben auf den Baß konzentriert hat, nicht schleppen, die Herren, wendet sich mit einem Ruck nach links zu den Frauen. Das war unsauber. Wenn der Sopran vielleicht einmal in Takt neunzehn gis statt g singen würde, meint Georg halblaut. Um sieben Uhr ist die Probe zu Ende. Marianne ordnet ihre Notenblätter. Das war ganz schön arrogant, sagt Marianne zu Georg.
Marianne trägt sich anders als die meisten Frauen im Dorf, sie trägt weiche, fast bodenlange Röcke und nie zu tiefe Ausschnitte. Sie zeigt Georg die Kirche, weist mit lächelndem Stolz auf die Orgel, mehr als dreihundert Jahre ist die alt. Tut mir leid, aber ich weiß nicht auswendig, wer sie gebaut hat. Georg nennt ein paar Namen, Marianne hört interessiert und staunend zu. Ich spiele Orgel, seit ich vierzehn bin, erklärt Georg. Marianne zeigt Georg das Kriegerdenkmal auf dem Friedhof. Mariannes Großvater ist der dritte von unten.

Du, sagt Marianne. Im Verein sagen wir alle du.
Ist mir recht.
Weißt du, wo Lublin liegt, fragt Marianne.

*

Anderntags ist ein Bauer zum Pilzesuchen in den Wald gegangen, er sieht das blutrote hochwallende Wasser des Bachs und weiß, daß der Wassermann den Ungehorsam seiner Tochter schaurig bestraft hat.

Die neuen Straßen haben nichtssagende Namen, damit niemand auf Dynamit tritt, gegen jeden Paten kann irgendwer irgendetwas haben. Also beschränken sich die Namensgeber auf Blumen, die dort nicht wachsen, und Bäume, die es bis auf die Linden im Dorf nie gegeben hat. Als der hinterste Weg an der Gemarkung Obere Weide kurzerhand Bachstraße genannt werden soll, erlaubt sich ein Gemeinderat den schüchternen Einwand, das könnte ja jemand mit dem Komponisten verwechseln. Ach was, doch nicht die Leute da oben.

Gegen halb sechs läutet es an Georgs Haustür. Georg bittet Peers Alfons höflich herein und bietet ihm zu trinken an. Peers Alfons lehnt ebenso höflich ab. Sein graugesprenkeltes Haar ist auch über den ganzen Kopf gleich kurz geschnitten, Schnurrbart und Vollbart inklusive, aber so beeindruckend dicht, daß niemand auf die Idee kommt, an Fliegenbeine zu denken.

Ich habe gehört, Sie sind Organist, sagt Peers Alfons.

So könnte man sagen, ja.

Herr Häberle ist krank. Er wird für längere Zeit ausfallen, aber wie Sie wissen, haben wir übermorgen Kirchweih. Da möchte ich Sie fragen, ob Sie übernehmen können.

Welche Choräle, fragt Georg.

Peers Alfons nennt sie ihm. Georg nickt. Das kann ich auswendig spielen. Mit vierstimmiger Begleitung. Aber wenn Sie wollen, nehme ich den Notenkoffer mit. Zur allseitigen Beruhigung sozusagen. Peers Alfons schmunzelt.
Also abgemacht. Vielen Dank. Georg trägt den Notenkoffer die Treppe nach oben, der Gesangverein steht bereits in Reih und Glied. Marianne im Sopran sieht blaß aus, als starrte alles auf ihre schwarze Uniformjacke mit den Runen ihres Großvaters am Kragenspiegel, der Wassermann hat den Ungehorsam seiner Tochter schaurig bestraft. Georg nimmt Platz und schaltet den Motor an, legt zur allseitigen Beruhigung die Noten auf für Nun danket all und bringet Ehr, ihr Menschen in der Welt.

Der Akkord birst am Emporenfenster.
Zu hoch. Einen ganzen Ton zu hoch.

Georg versucht es noch einmal, spitz zieht das B auf der dritten Linie die Noten hinter sich her, F Dur, normalerweise laufen seine Finger bei diesem Choral von allein.
Wieder zu hoch.

Es kann nicht sein, er weiß, daß er in F gespielt hat, doch was er gehört hat, war g, das weiß er genauso gut, auf die Manuale zu schauen und sein Unvermögen einzugestehen wagt er nicht. Er kann so nicht spielen. Es geht nicht. Der Verein wird ohne die Orgel singen müssen.

Die Augen auf die Noten geheftet, als könnte ihm das aus seiner grenzenlosen Verwirrung helfen, spielt er nur einstimmig, der Dirigent tut so, als hörte er auf seine Stimmgabel, der Chor beginnt, nicht falsch, es klingt nicht falsch, aber zu hoch, die ganze Zeit zu hoch.

Du meinst, du hast es nicht gehört, fragt er Marianne.
Marianne ordnet ihre Notenblätter. Was denn.
Die Orgel war nicht in Ordnung. Ich habe f gespielt und g kam heraus.
Marianne lacht. Ach so, deswegen hast du gesagt, der Sopran wäre zu tief gewesen neulich bei der Probe. Ohne daß du in die Noten geschaut hast. Kein Wunder, wenn du das absolute Gehör hast.
Georg sieht Marianne verwundert an.

Die Orgel ist einen Ton höher gestimmt als normal, das hat Herr Häberle einmal gesagt. Er hat gemeint, das hätten die Orgelbauer früher öfter so gemacht. Vielleicht begreifst du gar nicht, daß von uns niemand einen Unterschied bemerken würde.

Vom Emporenfenster aus sieht Georg Marianne über den Kirchhof gehen. Von Georgs Ahnen steht keiner auf dem Kriegerdenkmal. Absolut bedeutet losgelöst.

Die Kolonne rückt aus, es hat einen Sturm gegeben in der Nacht. Die Linden müssen gefällt werden. Dumpf und schwarz schlägt es auf dem Boden auf. Die junge Friseuse hat Johannes den Zopf in einem Stück abgeschnitten, sie läßt lange Koteletten stehen. Die Leute sagen, Johannes wäre ein hübscher junger Mann geworden. Es besteht Windbruchgefahr.