IRONSIDE LADY
 

Ausschnitt aus Kapitel 24

Er wartete auf sie, lächelnd und tiefernst zugleich, in Kleidern aus Goldbrokat und einem riesigen Mantel aus leuchtendrotem Samt und Hermelinfellen. Zuerst machte er einen Schritt auf sie zu, dann kniete er nieder, während eine verschwommene Gestalt in Weiß das Salbölgefäß hob und eine matt glänzende Hand sich auf seine Stirn legte. Darauf berührte er kurz den Reichsapfel und nahm mit der anderen Hand das Zepter in Empfang.

Musik dröhnte in Sarahs Ohren, aber sie wankte nicht, sie schritt - nein, schwebte - auf ihn zu, die Krone in der Hand. Ihr gehörte dieser Augenblick, ihr allein und niemandem sonst, die Menge in den Kirchenbänken war gar nicht vorhanden. Nur dieses Licht war da, dieses wunderbare Licht, und er wartete auf sie.

Ein letzter Schritt, der kaum den Boden berührte; dann stand sie vor ihm, sein Lächeln schien sie zu durchdringen, und sie öffnete halb ihre Lippen. Dann beugte er vor ihr das Knie, gerade eben so weit, daß sie -

Sie hielt die Krone hoch, sie atmete stoßweise, mußte fast die Augen schließen vor dem Licht, dem sie die Krone entgegenhob - da fuhr der letzte, atemberaubend gleißende Lichtstrahl auf die Edelsteine und das Gold nieder, und sie glaubte zu vergehen. Dann setzte sie ihm die Krone auf sein geneigtes Haupt.

Ihre Lider zitterten.

Der kühle Wind strich sanft über ihre Wangen, und Sarah öffnete die Augen, blickte auf die  zartfarbenen Bergrücken und die weichen Wolken, und sie erwachte.

Und wie immer beim Erwachen glaubte sie, eine drängende, fast mütterlich zärtliche Stimme zu hören: "Wollt Ihr vergessen, daß Ihr ein Herz habt, Sarah? Habt Ihr solche Angst vor Euren Gefühlen?"

Sie schrie leise auf, und sie ließ ihren Kopf in das Berggras sinken. Gut, daß der Wind wehte, die Ärmel ihres Reitkleides bauschte, ihre schmerzende Stirn kühlte.

Er lag neben ihr. Er schlief noch; er war auf die dickste Pferdedecke gebettet, die man hatte auftreiben können, und sie wußte, daß er warmes Unterzeug unter das weitgeschnittene lose Wams und die Breeches gezogen hatte. Er wußte, ebenso wie sie es wußte, wie nahe er am Rand des Grabes gestanden hatte, und er konnte auf seinem ersten Ausflug nicht vorsichtig genug sein.

Februar war es gewesen, als er sich zum ersten Mal niedergelegt und die Nahrung verweigert hatte, und aus den ersten alptraumhaften Tagen waren sehr schnell Wochen und schließlich Monate geworden. Sarahs eigene medizinische Kenntnisse waren rechtschaffen beschränkt, eben auf das, was man auf jahrelangen Kriegszügen aufschnappte, aber diese beschränkten Kenntnisse reichten immerhin aus, um zu wissen, daß die Behandlung durch einen durchschnittlichen Feldarzt die meisten Patienten erst richtig krank machte. So hatte sie Tag und Nacht Posten an seinem Bett bezogen und ihn selbst gepflegt - der Feldscher war vielleicht sogar erleichtert gewesen, daß ihm jemand anders die Mühe und die Last der Verantwortung abgenommen hatte. Außer einigen besonders vertrauenswürdigen Leuten hatte sie niemand zu ihm gelassen, und selbst diese hatten sich mit Wasser und Asche waschen müssen, bevor sie in seine Nähe kamen und sobald sie wieder gingen. Mehr als einer hatte sich lauter als nötig über diese Maßnahmen gewundert, manche hatten sich geärgert, so darüber, daß sein Essen auf ihren Befehl hin gesondert zubereitet und die leeren Eßgeschirre sämtlich ausgekocht werden mußten. Zuweilen hatte sie ihre Wünsche nur mit Hilfe einer Handvoll Münzen durchsetzen können, die dem richtigen Mann im richtigen Augenblick von ihr in die Hand gedrückt wurden. Nach ein, zwei Wochen war auch allgemein bekannt, daß sie es war, die ihn wusch und rasierte, sein Bettzeug wechselte und seine Waffen instandhielt, und daß sie sich kaum jemals helfen ließ. Bestimmt war einiges, was sie getan hatte, falsch gewesen, und oft hatte sie gezittert und - heimlich, damit niemand ihre Schwäche sah - Gott auf Knien um sein Leben angefleht, als die Tage und die Wochen vergingen und das Fieber und die rasenden Bauchschmerzen nicht weichen wollten.

Grauenhaft waren diese Stunden gewesen, sie allein wach an seinem Bett, Müdigkeit und Angst und Angst vor der Angst in allen Gliedern, und mit seinem rasselnden Atem in den Ohren und dem Geruch nach krankem Schweiß und kranker Luft in ihren Kleidern. Und dazu die andere Furcht, die sie zu tragen hatte wie die Offiziere und die Chargen, die sich tagaus, tagein Sorgen um die militärische Lage machten. Noch waren sie sicher, aber um sozusagen vorbeugend gegen den gekrönten König von Schottland vorzugehen, war es schon zu spät. Was, wenn es Charles Stuart plötzlich einfallen sollte, die Grenze nach England zu überschreiten und sie ihm dann nicht sofort nachsetzen konnten? Was, wenn niemand einen Plan parat hatte, der über die nächsten wenigen Stunden oder den einen kommenden Tag hinausging? Wenn seine Fähigkeiten und Ideen im entscheidenden Moment an allen Ecken und Enden fehlten? Und was, um alles in der Welt, wenn er von seinem Krankenlager nie mehr aufstehen würde?

Doch Gott war mit ihnen gewesen. Eines Tages waren seine Atemzüge ruhiger geworden. Dann hatte er sie angelächelt, als sie, neben seinem Bett sitzend, eines seiner Wämser geflickt hatte, sie, die Näharbeiten haßte; und schließlich hatte er, an einem Tag Ende Mai, aus eigenem Antrieb nach einer Mahlzeit verlangt. Natürlich hatten alle McPherson gesehen, als er mit strahlender Miene ein dampfendes Lendenstück und Gemüse in das Krankenzimmer getragen hatte, und natürlich hatten es bald alle gewußt: er ist wieder gesund. Beinahe hätten sie sich die Nachricht gegenseitig zugesungen.

Und heute hatte ihm Sarah den Ausritt vorgeschlagen, und er hatte sofort zugestimmt. Noch wurde er sehr schnell müde, es war immerhin das ersteMal seit langer Zeit, daß er wieder auf einem Pferd saß. Sarah neben ihm hatte ihren Duke Dreadnought mit nur einer Hand geritten, die andere immer frei, um im Notfall in die Zügel des anderen Pferdes greifen zu können.

Sarah setzte sich auf. Ohne es zu merken, faltete sie die Hände, und ihre Lippen formten tonlos Worte.

"Sally - "

Sie wandte sich sofort zu ihm um. "Alles in Ordnung, Oliver?"

"Ja. Alles." Dann sagte er leise: "Es ist schön hier."

Sarah blickte ihn an, nahm den Ausdruck seiner Augen, das leise Spiel seines Mundes in sich auf. Sie betrachtete die Lichtflecken auf seinen abgetragenen Kleidern, sah zu, wie der Wind sein Haar bewegte, und flüsterte: "Ich wünschte, dieser Tag würde nie zu Ende gehen."

"Das", sagte er, "wünschte ich mir auch."

Eigentlich war es merkwürdig, schließlich wußten sie beide nur zu gut, daß die Zeit weiterging und ihren Tribut forderte. In wenigen Tagen würden sie aufbrechen müssen. Wenn alles lief wie geplant, würde die royalistische Armee, kurzsichtig wie immer, blindlings in die Falle tappen und auf England vorrücken, ohne zu bedenken, daß Cromwell die Straßen nach London fest in seiner Hand hatte und den Marsch der Königlichen folglich jederzeit und überall blockieren konnte. Eine solche Blockade konnte er allerdings naturgemäß nur dann zustandebringen, wenn er sein Heer in Gewaltmärschen aus Schottland herausführte - weshalb dieses Heer auch schon seit Tagen marschbereit war. Und doch redeten sie hier von unendlichen Tagen -

"Ihr müßt allmählich Hunger haben."

Er lachte. "Allerdings. Was gibt es denn?"

"Brot und Landkäse. Und daß Ihr mir tüchtig zugreift. Ihr müßt reichlich essen, damit Ihr wieder zu Kräften kommt in den nächsten Wochen." Sarah rappelte sich auf, ging hinüber zu den Pferden, die sie hinter einem Busch angebunden hatten und die zufrieden weideten, und holte den Leinenbeutel mit dem Essen, dem Laib Brot - einem gewaltigen Laib, dessen braune Rinde noch frisch duftete - und zwei großen Ecken Schafskäse. Als sie wieder herüberkam zu dem großen Felsblock, in dessen Schatten sie beide gerastet hatten, sah es aus, als tanzte sie. Sarah glitt nieder auf die warme Pferdedecke, zog ihr Messer, schnitt das Brot entzwei und reichte Cromwell eine Hälfte. "Hier, greift zu!"

Er begann mit vollen Backen zu kauen. Sarah tat es ihm nach; beide speisten sie nach Art der Hirtenjungen, die das Brot mit bloßen Händen in mundgerechte Stücke zerrissen, jedes Stück zwischen den Zähnen hin- und herschoben, um es mit ihrem Speichel weich zu machen, immer nach zwei Bissen Brot einen Bissen Käse nahmen und sich den Mund mit dem Ärmel abwischten.

"Ich komme mir vor", meinte Cromwell, "als wäre ich noch ein junger Studiosus - und du, Sally?"

Sarah blickte versonnen auf die andere Seite des Tals. "Es sieht so - so friedlich aus."

Cromwell nickte.

"Sally", sagte er gemessen, "was war das eigentlich für ein Messer, mit dem du das Brot geschnitten hast?"

Sarah fuhr zusammen und warf den Kopf herum.

"Das ist ein Messer, meine ich, wie jeder Soldat eines hat. Ich vermisse deinen Dolch, den mit dem Rubin." Jedermann unter den Ironsides kannte Sarahs Rubin. Er war Fairfax´ Hochzeitsgeschenk an Sarah gewesen, und sie hatte ihn am Griff ihres Dolches fassen lassen. Aber seit bald zwei Jahren hatte niemand mehr den roten Stein knapp über Sarahs Gürtel blitzen gesehen.

"Hast du deinen Dolch verloren, Sally?"

Sie nickte hastig - viel zu hastig. "Ja."

"Wo?"

"Ich -"

"Wo hast du ihn denn zuletzt gesehen?"

Sarah antwortete nicht.

"Sally, in Drogheda habe ich ihn zuletzt gesehen. Da bin ich mir ganz sicher."

Immer noch kein Wort.

"Du hast deinen Dolch in Irland gelassen."

Da öffnete Sarah den Mund und stammelte.
"Es - war  - furchtbar. Oliver - ich - ich wollte sterben."

Cromwell nickte noch einmal.

Ja, furchtbar. Zuviel Tod. Zuviel Blut gesehen. Blut, das durch die Augen in die Glieder lief. Im Blut und im Tod versinken zu wollen, als schliefe man ein, des ewigen Todes müde. Aber war es irgendwo auf ihrem Weg möglich gewesen, aufzuhören, ohne daß alles bisher Erkämpfte hätte aufgegeben werden müssen? Nein. Und konnten sie jetzt  aufhören? Nein. Erst mußten sie Charles Stuart schlagen. Und sie würden Charles Stuart schlagen. Und dann? Einerseits versagte da sein Vorstellungsvermögen, schien ihn beruhigen zu wollen mit Gedanken wie irgendwie wird es schon gehen oder irgend etwas wird sich schon finden - und andererseits war da etwas anderes, etwas Unausweichliches, das noch keine Formen angenommen hatte, aber schon auf ihm lag als ungeheure Last.

"Sally, ich möchte dir etwas anvertrauen - etwas, wovon außer mir bisher nur mein Gott wußte."

Sie saß ganz nahe bei ihm. Er brauchte nur seine Arme auszustrecken, nur seinen Kopf zu neigen.

"Ich wünschte mir", sagte er langsam, "alles das hätte gar nicht erst begonnen. Ich wünschte, ich wäre wieder dort, wo ich einmal zu Hause war. Wo ich meine Felder bestellt und meine Pferde geritten habe, wo meine Kinder aufgewachsen sind - du weißt, daß ich einmal Pächter in St.Ives war?"

Sarah bejahte. "Und ich hatte mich darüber gewundert. Ich meine, Ihr hättet Euch doch einen Besitz kaufen können."

"Viele haben sich darüber gewundert", antwortete Cromwell. "Ich hatte mir deshalb keinen neuen Besitz gekauft, weil ich vorhatte, mit meiner Familie in das Neue Jerusalem zu gehen. Nach Amerika."

"Nach Amerika. Ich verstehe. - Aber Ihr seid nicht gefahren. Ihr seid geblieben."

"Ich hatte meine Passage schon angezahlt." Cromwells erinnerungsschwere Stimme klang seltsam wie von weit her. "Elizabeth war dabei, unsere Besitztümer in große Kisten zu verpacken, in seefeste Kisten, und da packte mich das Verlangen, noch einmal über die Felder zu reiten. Ich würde schließlich lange Zeit kein Pferd mehr unter mir spüren können und keine Erde. Also habe ich mein Pferd geholt und gesattelt, ich ritt hinaus, neblig war es - und dann kamen mir zwei andere Reiter entgegen. Es waren der Earl of Manchester und einer der Notabeln der Stadt Cambridge. Sie ritten auf mich zu, nahmen mein Pferd in die Mitte und beschworen mich zu bleiben."

"Und Ihr seid geblieben", sagte Sarah noch einmal.

"Ja." Er atmete tief. "Es war wohl meine Bestimmung."

"Das war es." Sarah sprach sicher und fest. "Gott wollte es so, und kein Wesen dieser Erde kann Seinem Willen entrinnen."

"Gewiß. Und doch, manchmal wünsche ich mir - wünsche mir brennend - ich wäre wieder in St.Ives. Ich hatte nichts damals. Kein Fußbreit Boden gehörte mir. Ich war ein Niemand - aber ich war glücklich ..."

"Oliver", sagte Sarah, "reicht mir Eure Hand."

Er tat es, und er spürte den kräftigen Halt ihrer Finger.
"Oliver, Ihr seid in der Gnade. Gott leitet Euch. Vertraut darauf, und tut, was notwendig ist. Dann wird es das Richtige sein."
"Ich bin in der Gnade?"
"Ja."
Er hatte oft daran gedacht, sie zu bitten, nach Hause zu gehen. Aber sie würde nie fortgehen. Sie würde nicht gehen, solange er lebte. Sie hatte ihm ihr Wort gegeben, und sie würde es niemals brechen.

"Wir müssen zurück", sagte er schließlich, "es wird Zeit."

Sarah nickte, wie ein junger Soldat, der einen Befehl entgegennahm, aber sie ließ seine Hand nicht sofort los, und sie blickte ihn an, als wäre er ein König.
 

***
 

"Edmund! Edmund! Wo steckst du denn! Bist du taub gewor - aber - was in aller Welt -"

Sorrow hatte den Garten von Riverview so eilig durchquert, wie es gerade noch möglich war, ohne wie ein Schuljunge loszurennen und den diversen dienstbaren Geistern im Haus Stoff zum Tuscheln und Wispern zu geben. Erst nachdem er gemessen schreitend am Haupthaus angelangt und die Tür hinter ihm ins Schloß gefallen war, hatte er sich den Hut vom Kopf gerissen, war die Treppe hochgestürmt - und prallte oben beinahe mit einem Lord Bellesford zusammen, der bis auf ein Handtuch um die Schultern völlig nackt war und ihm unschuldig indigniert entgegengrinste. Wasser lief an seinen Beinen herunter und sammelte sich in einer kleinen Pfütze.

"Ich habe ein Bad genommen, wie du siehst", kicherte Bellesford und fuhr fort, sich gemächlich abzureiben, während ihm ein verdatterter Sorrow in sein Schlafzimmer folgte. "In eiskaltem Wasser. Damit mir keiner vorwerfen kann, ich sei genußsüchtig. Und wo du wieder da bist", er zupfte an seinem Haar, das sich feucht um seine Ohren ringelte, "wirst du mir am besten gleich die einzig richtige Coiffure zurechtmachen. Wenn du mich nicht bald von diesen Auswüchsen befreist, werden unsere ehrenwerten Diener womöglich denken, ich wollte mir Lovelocks wachsen lassen." Er setzte eine komisch tadelnde Miene auf, die Sorrow wohl zum Lachen reizen sollte. Sorrow ging indes nicht darauf ein. "Dein Ausflug in die Stadt hat aber lange gedauert. Hat dich etwas aufgehalten?" Er stieg in seine Hosen und streifte sich das Hemd über.

"Ich wollte auf der Kommandantur den Kurier abwarten, falls Post für mich käme", sagte Sorrow gewichtig. "Und außerdem bin ich beim Schneider gewesen."

Bellesford sah ihn ungläubig an, dann prustete er heraus. "Also wenn ich dich irgendwo nicht vermutet hätte, dann beim Schneider. Bisher habe ich geglaubt, so etwas Uneitles wie dich gäbe es auf der ganzen Welt nicht mehr - da muß wohl mein verderblicher Einfluß schuld sein, wenn du jetzt auf die Idee kommst, dir neue Sachen anmessen zu lassen. Demnächst werde ich dich wohl beim Perückenmacher suchen müssen -"

"Da war ich auch", unterbrach Sorrow.

Viscount Bellesford schlug sich auf die Schenkel- aber sein Lachen erstarb, als er Sorrows immer noch tiefernsten Blick bemerkte.

 "Der Kurier hatte Post für mich." Sorrow zog eine Handvoll Papiere aus der Rocktasche. "Zwei Briefe, um genau zu sein. Das hier" - er wies das Schreiben vor - "ist meine Beförderung zum Colonel."

"Sorrow - aber das ist großartig. Meine Glückwünsche!" Er trat auf Sorrow zu und legte ihm den Arm um die Schultern. "Deshalb bist du also zum Schneider gegangen. Weil du eine andere Uniform brauchst. Und den langen Samtmantel. Mein Gott."

"Du kennst dich ja gar nicht schlecht aus", lächelte Sorrow. Er legte einen dünnen Nesselbeutel auf Bellesfords Bett. "Und dabei werde ich die Uniform nicht mehr allzu lange tragen, wie du weißt. Ich habe dem Schneider jedenfalls gesagt, er soll die anderen Sachen vorher fertig machen, und so elegant wie möglich. Nur gut, daß wir beide ungefähr dieselben Maße haben."

Der junge Lord hörte schon gar nicht mehr hin. "Aber bis dahin wirst du auf jeden Fall eine eindrucksvolle Figur abgeben, und deine Leute werden - andere Sachen? Was für andere Sachen? Und was - was siehst du mich so an?"

"Ich denke, ich habe richtig gewählt", strahlte Sorrow. "Smaragdgrüner Samt. Und tannengrünes Tuch. - Der zweite Brief ist von Sir William Jaspers. Sie haben Simpson gehängt. Vor einer Woche. Mylord", sagte Sorrow feierlich, "Ihr könnt nach Hause fahren."

Bellesford wurde blaß. Er suchte fahrig nach einem Halt, bekam schließlich den Bettpfosten zu fassen.

Sorrow griff hastig in den Beutel und zog etwas heraus, das auf den ersten Blick wie ein Stück lockiges, dunkelbraunes Fell aussah. "Einstweilen habe ich dir das hier mitgebracht", seine Stimme klang belegt, "etwas heller als dein eigenes Haar, aber Pechschwarz war nicht aufzutreiben - aber Edmund, um des Himmels willen - du darfst doch nicht vor mir niederknien -"

"Ich darf auf die Knie fallen vor jedem, wenn ich es will, und außerdem", es klang wie ein Mittelding aus Lachen und Schluchzen - "kannst du mir so die Perücke besser aufsetzen. - Und ich dachte, du fändest falsche Haare lächerlich."

Sorrow schluckte ein paar Mal. "Mag schon sein. Aber bis du deine schönen Locken wieder hast, wird noch einige Zeit vergehen, und bis dahin kannst du damit fast wieder aussehen wie früher - "

"Danke", flüsterte Bellesford. "Danke für alles, Sorrow." Er setzte sich auf die Bettkante und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen ab. "Und jetzt reden wir über den anderen Brief. Bekommst du anderswo ein Kommando?"

Sorrow fuhr zusammen, als hätten ihn Bellesfords Worte allzu abrupt in die Wirklichkeit zurückgeholt. "Nein", sagte er dann leise. "Ich soll in Worcester bleiben."

"Und die Stadt auf einen längeren Kampf vorbereiten, nehme ich an."

"Da nimmst du richtig an." Sorrow atmete schwer. "Befehl vom Generalissimus höchstpersönlich. Mit eigener Hand ausgefertigt und unterschrieben. Er wünscht mir sogar viel Glück."

"Cromwell wird keine besonderen Schwierigkeiten haben." Bellesfords Stimme klang überraschend unbeteiligt. "Die royalistische Armee ist zu klein, hat sich zu sehr darauf verlassen, auf ihrem Marsch nach Süden Anhänger sammeln zu können."

"Ganz recht, Edmund. So etwas hätte vielleicht gleich nach dem - nach dem Tod des Königs Erfolg haben können. Und selbst da sage ich noch vielleicht, denn beim letzten Mal, als die Schotten bis nach England vorgerückt sind, hat es ja auch nicht geklappt. Die Leute auf den Dörfern wollen in Frieden leben, eine Armee von der anderen Seite der Grenze bedeutet für sie nichts weiter als daß ihr Land verheert und ihr Vieh requiriert wird. Auch wenn Charles Stuart an ihrer Spitze steht. Er hat keine Hoffnung, von irgendwoher Ersatz zu bekommen. Wie die Tölpel sind Leslie und er in die Falle gegangen."

"Weil Cromwell die Straße nach London blockiert hat."

"Ja, durch einen wirklich bemerkenswerten Gewaltmarsch. Und jetzt ist er ihnen schon dicht auf den Fersen. Der Feind kann gar nicht mehr anders als auf Worcester vorrücken, und allerspätestens Ende August muß er da sein. Es bleibt keine andere Möglichkeit."

"Und bis dahin bleibst du hier?"

"Der Generalissimus mag sich höflich ausdrücken, aber das ist ein Befehl und kein unverbindlicher Vorschlag. Ich hätte dich gerne begleitet, aber -"

"Du brauchst mich nirgendwohin zu begleiten, Sorrow. Wenn du hierbleibst, dann bleibe ich selbstverständlich auch. Ich schulde es dir."

"Aber Edmund - das kann nicht dein Ernst sein -"

"Du hast bei mir ausgehalten, jetzt halte ich bei dir aus", sagte Bellesford bestimmt. "Außerdem ist es unauffälliger. Wenn ich abreise und du dich auffällig oft auf der Kommandantur sehen läßt, kommt womöglich irgendein Spion auf dumme Gedanken."

"Du wirst langsam ein erstaunlich guter Stratege, Edmund - und dabei hast du doch - ich meine -"

"Ich bin kein Royalist und ich bin kein Roundhead. " Bellesfords Stimme war fest.  "Erst einmal soll dieser Wahnsinn so schnell wie möglich ein Ende haben, der Rest wird sich dann finden. Und jetzt zupf nicht ständig an der Perücke herum. Ich denke, du hast sie für mich gekauft?"

Sorrow lachte schallend. "Herrgott, es wird mir guttun, daß du hierbleibst. Es werden schwere Wochen werden - "

"Eben. Gut, daß du das einsiehst. Die paar Wochen werden wir auch noch überstehen. Und dann -"

"Dann mußt du mich bald besuchen kommen. Rebecca würde sich freuen. Sie hat richtiggehend einen Narren an dir gefressen. Und du könntest endlich Sarah kennenlernen."

"Sie muß eine wundervolle Frau sein", sagte Bellesford versonnen. "Und wunderschön, selbst wenn die Zeichnung übertrieben ist."

"Sie ist noch viel schöner als auf der Zeichnung, glaub mir."

"Und wo soll ich dich dann besuchen kommen? In London oder in Huntingdon?"

"Das wird sich finden, wie du so schön gesagt hast. Auf jeden Fall nehme ich meinen Abschied, sobald dieser Feldzug vorbei ist. Vielleicht tue ich mich dann mit Joseph Turny zusammen. Oder sollte Cromwell ohne mich nicht auskommen wollen, wird es bestimmt auch für eine Zivilperson einiges zu tun geben."

"Und in der Jagdsaison kannst du dann mich besuchen", spann Bellesford den Faden weiter. "Es wird dir Spaß machen zu jagen. Du bist der beste Reiter, den ich kenne."

"Das sagst du, weil du Sarah noch nie reiten gesehen hast."

"Gibt es eigentlich auch etwas, das Sarah nicht kann?"

Sorrow war einen Moment lang verblüfft, dann lachte er wieder auf. "Du liebe Güte, da müßte ich erst einmal nachdenken. Aber jetzt haben wir Wichtigeres zu tun. Zum Beispiel, Saintjohn Edmunds wieder in Mylord Bellesford zu verwandeln." Er setzte seinem Freund grinsend die Perücke auf und rückte sie zurecht.

"Requiescat in pace",  lachte Viscount Bellesford in den Spiegel.
 

***
 

"Mylady!"

"Was ist denn nun schon wieder!"

Es würde das letzte Mal sein, hatte Cromwell gesagt. Wenn alles gut ging, und niemand zweifelte daran, würde dies Cromwells letztes Auftreten als Feldherr sein. Nach dieser Schlacht würde es keinen Feind mehr geben, den es zu bekämpfen galt. Dessen war sich auch Sarah sicher - aber aus einem anderen Grund. Aus einem Grund, der schon vor Wochen bei ihrem Ausflug in Schottland so in ihrem Gehirn eingebrannt gewesen war, daß sie sich insgeheim gewundert hatte, daß niemand ihre Gedanken hatte lesen können.
Wie hatte er gesagt? "Damals war ich glücklich." Nun, sie hatte nicht vor, ihm seinen Pachthof zurückzugeben. Aber etwas anderes würde sie ihm zu Füßen legen - oder auf seinen Scheitel drücken ...

"Wir haben jemanden gefangengenommen. Einen Spitzel."

Sarah drehte sich zu dem jungen Ensign um. "Einen Spion?"

"Kann schon sein, Mylady", meinte der junge Mann ehrerbietig. "Wir haben ihn am Ufer gefunden, als wir die Pferde tränken wollten." Er gab dem Gefesselten einen Fußtritt, daß er hinfiel und direkt vor Sarahs Füße rutschte. Der Gefangene war in einem bejammernswerten Zustand, die Kleider zerfetzt, die Handgelenke und die Knie blutig gescheuert, offensichtlich hatte der Ensign ihn an sein Pferd gebunden und mitgeschleift. Und an den Schultern war deutlich zu erkennen, daß er Bekanntschaft mit der Peitsche hatte machen müssen.

Sarah betrachtete abschätzig die Folterspuren. "Und? Hat er gestanden?"

"Keine Silbe, Mylady."

Sarahs Augen wurden hart.

"Gnade!" schrie der vor Angst schlotternde Mann. "Ich bin nur ein armer Fischer. Ich habe nichts getan als da unten mein Netz auszuwerfen - ich weiß von nichts!"

"Hat er denn ein Netz ausgeworfen, Ensign?"

"Ja. Aber das kann ebensogut ein Vorwand gewesen sein."

In der Zwischenzeit hatten sich noch einige Soldaten eingefunden, murmelten, bildeten einen Halbkreis. "Das muß jedenfalls ein harter Knochen sein, wenn er bis jetzt noch nichts gesagt hat", meinte einer halblaut, mit sprechendem Blick auf die Peitschenstriemen.

"Gnade", rief der Fischer ein zweites Mal. "Ich verkaufe meinen Fang immer in der Stadt. Ich könnte mich für Mylady dort umsehen - wie stark sie sind -"

"Das wissen wir schon längst", schnappte Sarah, "sechzehntausend Mann, ein Pappenstiel. Komm mir also nicht mit solchen Reden, du Hund. Was hast du an der Severn gemacht? Wolltest wohl die Schiffsbrücken sprengen? Oder auskundschaften, auf welchem Weg der Stuart am besten fliehen könnte!"

"Nein - nein, ich schwöre, es war nicht so", wimmerte der Mann. "Ich wollte Fische fangen - ich wollte doch nur Fische fangen -"

"Anscheinend sind wir es, die da einen dicken Fisch gefangen haben", unterbrach Sarah. "Allerdings bin ich es jetzt leid, weiter im trüben herumzufischen. Ensign, holt zwei Pferde her. Aber kräftige, wenn ich bitten darf."

Der Ensign war in weniger als zwei Minuten wieder zur Stelle, begleitet von zwei Pferdeknechten, die zwei wirklich gewaltige Tiere, Geschützpferde, Shirehorses, an den Halftern führten.

"So. Und jetzt bindet ihn zwischen die Pferde, und seht zu, daß die Fesseln gut sitzen."

Der Fischer wurde kreidebleich, er wollte schreien, aber es kam nur ein gurgelnder Laut aus seinem Mund.

"Treibt die Pferde auseinander!"

Die Knechte ließen die Peitschen knallen, und gleichmütig strebten die beiden Pferde voneinander weg, stetig, mit ruhigen lang ausgreifenden Schritten.
Der Fischer brüllte auf, dem jungen Ensign stockte der Atem.

"Du Hündin", schrie der Gepeinigte auf, "ahhh - ihr - Teufel - hört auf - ich gestehe -"

Sarah nickte. "Gut. Rede."

Noch einmal zogen die Pferde an, und kreischend stieß der Fischer Satzfetzen aus. "Zu schwach - in den großen Häusern - "

"Große Häuser? Was für große Häuser?"

Woher sollte das der Fischer wissen? Seit er zurückdenken konnte, hatte er Fische auf dem Markt verkauft, davon hatte er gelebt, was ging es ihn an, was sonst noch in der Stadt passierte? Nur ungefähr konnte er sich vorstellen, daß die Soldaten seines Königs in den großen Besitzungen rings um die Stadt einquartiert worden waren. Wo genau sich diese Häuser befanden und wem sie gehörten, davon hatte er keine Ahnung.

Aber wer mußte etwas sagen. Dann würden sie die Folter beenden - er wollte leben -

"Laurelwood - Sanctuary - Riverview - o mein Gott - ich -"

"Du solltest unsere Stärke erkunden?"

"Ja, ja -"

Sarah senkte den Arm, und der Ensign durchtrennte mit seinem Reitersäbel die Seile. Der Fischer stürzte zu Boden. Auf Sarahs Nicken hin zog ein dabeistehender Unterführer die Pistole und schoß.

"Ihr zwei", wandte sich Sarah an die Pferdeknechte, "tragt das da weg. Und Ihr, Ensign, sucht euch zwei Leute, zieht frische Sachen an, geht in die Stadt und findet heraus, wessen Eigentum die Häuser da sind, von denen der Kerl gesprochen hat, und wo  sie liegen. Wie Ihr das macht, ist Eure Sache. Euer Schaden wird es gewiß nicht sein. Verstanden?"

"Vollkommen, Mylady." Der Ensign strahlte. "Könnte ich vielleicht ein paar leere Bierfässer haben?"

"Wozu braucht Ihr denn Bierfässer?"

Der junge Mann wurde rot. "Mylady - wir kennen alle die Geschichte. Von einer Kriegslist, die Ihr selber einmal gebraucht habt. Ihr habt Euch unter einer Ladung Heu in eine Stadt schmuggeln lassen - Leicester, oder Oxford -"

Sarah lachte unwillkürlich. "Bristol. Ja, und wie weiter?"

"Ich dachte, wir füllen ein paar Fässer mit Bier, oder vielleicht genügt auch Wasser, bis auf zwei, in denen sitzen dann ich und ein zweiter Mann, und der dritte wird kutschieren -"

Sarah nickte. "Gar keine so üble Idee. Aber bewaffnet Euch ausreichend, und habt acht auf Euch. Ich möchte nicht riskieren, daß der Generalissimus morgen bei der Schlacht über einen Leutnant weniger verfügen kann."

Der Ensign begriff. "Seid Ihr - seid Ihr sicher, daß es morgen sein wird?" Die stotternd vorgebrachte Frage hatte deutlich nur den Zweck, Mylady von den verräterisch rot angelaufenen Wangen des Sprechers abzulenken.

"Morgen ist der dritte September", sagte Sarah leise. "Der Jahrestag von Dunbar." Sie drehte sich um. Die Knechte warfen den Leichnam des Fischers über eines der Pferde wie einen Sack.

"Morgen", hatte er geflüstert. "Es wäre gut, wenn du bei mir bliebst, Sally."
Sie hatte geantwortet: "Ihr habt mein Wort."
 

***
 

"Das war falsch", sagte Sorrow leise und nahm Lord Bellesfords Läufer vom Brett. "Du hättest den Springer einsetzen müssen."

"Sehe ich jetzt auch", entgegnete Viscount Bellesford nervös. "Aber du hast vorhin auch vergessen, daß du hättest schlagen können." Sorrow hatte die Schachpartie vorgeschlagen, weil der Viscount den ganzen Tag entweder brütend am Fenster gestanden hatte oder von einer Wand zur anderen hin und her gelaufen war. Aber es war kein gutes Spiel geworden. Sorrow hatte mehr als einmal einen Vorteil übersehen und die falsche Figur bewegt, ebenso wie Bellesford. Keiner von beiden schien sich auf das Brett konzentrieren zu können, keiner bemerkte es rechtzeitig, wenn der andere einen Fehler machte.

Bellesford nahm einen Turm zwischen die Finger und tippte damit auf das Feld darunter. Dann ließ er ihn wieder sinken. Spätestens beim übernächsten Zug wäre der Turm verlorengegangen, beim Zug darauf hätte es Matt gegeben. Allerdings würde auch Sorrow bald keine Möglichkeit mehr zu ziehen haben, ohne daß dabei sein König auf ein bedrohtes Feld geriet.

"Ach, lassen wir es", seufzte Bellesford resigniert. "Schluß, Remis."

"Anscheinend ist heute nicht der richtige Tag zum Schachspielen."

"Ist denn heute für irgend etwas anderes der richtige Tag?"

Sorrow zuckte mit den Schultern.

"Wir sind so verdammt allein", preßte Bellesford heraus. "Die Leute, die du angestellt hast, als wir gekommen sind, stehen jetzt bei ihren Regimentern, die Diener von früher sind fortgerannt, als sie gehört hatten, Cromwell sei im Anmarsch, und die zwei oder drei, die noch da sind, würden sich wohl am liebsten in den Keller verkriechen. - Verzeih mir meine Reizbarkeit, Sorrow, aber diese Stille hier geht mir auf die Nerven. Und ich wette, du wärst auch lieber draußen vor den Mauern mit Cromwell und den anderen." Er fuhr sich durch die kurzen Locken. Die Perücke hatte er abgelegt, mit der Bemerkung, es sei nun wirklich zu schwül, und er würde Sorrows Geschenk gerne weiterhin tragen, wenn Sorrow nur so freundlich wäre, ihm noch einmal den Kopf zu scheren. Das hatte Sorrow abgelehnt und ihm stattdessen zur Brennschere geraten. Das Ergebnis mochte einem Herrn von Stand nicht eben zur Ehre gereichen, aber die unbeholfen gelegten Korkenzieher gaben Bellesford etwas eigentümlich Spitzbübisches und gleichzeitig Rührendes.

Sorrow trat ans Fenster, um der Antwort enthoben zu sein. So unrecht hatte Bellesford nicht. Er versuchte, den Gedanken zu verdrängen, daß der Viscount längst wieder in Sicherheit auf Old Hall hätte sein können, hätte er sich nicht als Freund verpflichtet gefühlt, bei Sorrow auszuharren.

Plötzlich sprang Lord Bellesford auf.

"Was ist, Edmund?"

"Hörst du nichts?"

"Was soll ich denn -"

"Da! Da war es wieder!"

"Schüsse. Zwei Schüsse. Und nicht einmal so weit weg." Sorrow erfaßte mit einem Blick, daß Bellesfords Hand auf seinem Degengriff lag - ebenso wie seine eigene. Keinen Augenblick zu früh - da waren Schritte auf der Treppe, eilige, hastige Schritte, da lief jemand - er kam immer näher -

Sorrow riß die Tür auf.

Vor ihm stand zitternd die einzige Magd, die noch in Riverview geblieben war. "Sirs - bitte entschuldigt - aber da draußen - "

"Sprich gefälligst deutlich und nicht in Rätseln! Was ist da draußen - Feinde?"

"Ich - weiß nicht!" Das Mädchen brach in Tränen aus.

"Komm!" Sorrow schob die Magd beiseite und stürmte die Treppe hinunter, Viscount Bellesford dicht hinter ihm. Fast gleichzeitig langten sie am Tor an. Kalte, feuchte Regenluft schlug ihnen entgegen. Sie liefen, so schnell sie konnten, quer über den ungepflegten Rasen vor dem Haus, der hinunterführte zu einigen verstreuten kleinen Gebäuden.

Bellesford sah als erster das Dunkle vor seinen Füßen.

"Sorrow - "

Die Freunde starrten auf die Leiche.
"Der Gärtnerbursche", flüsterte Sorrow. "Schade um den armen Kerl."
"Er war bestimmt noch keine sechzehn", meinte Bellesford bedrückt.
Sorrow zwang sich, sich hinunterzubeugen und die Leiche näher zu untersuchen. "Erschossen", sagte er leise. "Ein Schuß aus nächster Nähe und direkt ins Genick. Sofort tödlich, das hätte ihm genausogut den Kopf abreißen können."
"Nur ein Schuß?"
"Jedenfalls nur eine Kugel." Er hatte sie mit seinem Messer hervorgeholt und wies sie auf seiner Handfläche vor. "Aber wir haben zwei Schüsse gehört.  Also müssen zwei Waffen abgefeuert worden sein."
"Zwei Mörder also."
"Du hast recht, von Mördern zu sprechen", sagte Sorrow grimmig. "Zwei oder mehrere."
"Aber auch nicht allzu viele, sonst hätten sie mehr Lärm gemacht, und wir hätten sie früher hören müssen", gab Bellesford zu bedenken. "Ob es - Königliche waren? Denn warum sollten Cromwells Leute -"
"Kaum", fand Sorrow. "Die haben etwas anderes vor. Wir haben den Betrieb auf den Straßen gestern und heute früh ja gesehen."
"Ja, wahrscheinlich wollen sie einen Ausfall machen, bevor es Cromwell einfällt, einen Einfall zu machen."
Bellesfords lahmer Scherz fiel ins Leere, denn Sorrow kommentierte sofort auf seine sachkundige Art: "Was so ziemlich das Dümmste ist, was sie machen können. Wäre ich Leslie, würde ich mich an die Schiffsbrücken halten. Man könnte sie sprengen. Aber niemand hat etwas dergleichen versucht."
"Bist du dir da sicher?"
"Wir hätten etwas erfahren, wenn jemand die Wachen überfallen hätte, und wenn die Boote in die Luft geflogen wären, erst recht. Die Stadt ist in Aufruhr - "
"Das stimmt." Diesmal klang es ganz und gar nicht scherzhaft. "Sorrow, ich habe ein grauenhaftes Gefühl - als ob jemand über mein Grab ginge - "

*

"Melde mich zurück, Mylady."

Der Ensign salutierte. Seine eine Wange war schwarz von Pulverdampf. Es hatte einige Zeit gedauert, bis er Sarah in den bereits formierten Schlachtreihen gefunden hatte. Sie trug einen weiten Rock, wie ihn Damen beim Reiten benutzten, eine alte Bluse, ein steifes Lederwams und darüber den Halsschutz - ihre Uniformen und ihr berühmter rotgefütterter Mantel waren seit Tagen zum Auswinden naß -, und über das Ganze hatte sie eine alte Pferdedecke als Regenschutz um die Schultern gezogen. Sie hatte sich dazu beglückwünscht, daß sie daran gedacht hatte, einen zweiten Woilach mitzunehmen, so daß ihre letzten trockenen Sachen wenigstens nicht schon vor der Schlacht vom Regen durchweicht waren.

"Und?"

Stotternd erstattete der Ensign Bericht. "Ich bringe leider keine guten Nachrichten, Mylady. Scheint, der Spion hat gelogen. In keinem der Häuser habe ich etwas entdeckt, was nach Feind aussieht. Aber ich habe mich trotzdem danach erkundigt, wem die Häuser gehören, wie befohlen."

"Und?"

Sarahs knappes und kaltes "Und?" ließ den Ensign erst einmal ganz verstummen.

"Ich habe Euch etwas gefragt, und ich erwarte eine Antwort!" Nur wenig milder fuhr sie fort, als sie merkte, wie sich der Junge abmühte, etwas Verständliches herauszubekommen. "Na los. Die Schlacht kann jede Minute beginnen, ich warte nur noch, bis der Generalissimus mich ruft. Ihr wollt doch nicht daran schuld sein, wenn unsere Reihen im letzten Moment in Unordnung geraten?"

Das wollte der junge Bursche natürlich nicht. Er ratterte Name auf Name herunter. Einige waren Sarah bekannt, aber keiner interessierte sie. Das konnte ihr der Ensign vom Gesicht ablesen, und so sprach er immer hastiger. "Und Laurelwood gehört einer Lady Nortfield; sie ist alt, sie kann ihr Zimmer kaum verlassen. The Revel ist Staatsratsbesitz - "

"Uninteressant. Weiter."

"Riverview gehört Sir Mortimer Tandour, und The Sanctuary - "

Er brach zu Tode erschrocken ab, als er sah, wie über die schönen Züge ein krampfhaftes Zucken lief und die Handknöchel über den Zipfeln der Pferdedecke weiß wurden. Eben wollte er fort und Hilfe holen, da hörte er sie sprechen - es klang, als wollte sie schreien, nur gehorchte ihr ihre Stimme nicht. "Hat Euch jemand gesehen?"

"Nein, niemand." Das entsprach zwar nicht so ganz der Wahrheit, aber der junge Gärtner, der ihn gesehen hatte, lebte schließlich nicht mehr. Wie er es bei allen Häusern gemacht hatte, war der Ensign schon mit der Hand am Abzug gewesen, kaum daß sein Auskunftgeber zu Ende gesprochen hatte. Den jungen Gärtner hatte er am Hals gepackt, ihn zischelnd nach dem Namen des Hausherrn gefragt. Er hatte nur noch sagen können "Sir Mortimer Tandour - aber - ", dann hatten der Ensign und sein Korporal gleichzeitig abgedrückt. Wer von ihnen beiden getroffen hatte, konnte er nicht sagen - und er konnte sich auch nicht erklären, weshalb Ironside Ladys Augen auf einmal so loderten. Verstohlen griff er sich an die Brust.

"Ensign, sind Eure Leute noch in der Nähe?"
"In Rufweite, Mylady."
"Dann bringt sie her und folgt mir. Und ich sage Euch, morgen um diese Zeit habt Ihr Euer Leutnantspatent! - Ja, was ist?!"

"Mylord General Cromwell schickt nach Euch", stotterte der Meldereiter nervös. "Dringend!"
"Sagt ihm", Sarah stieß es hervor, beinahe Silbe für Silbe, "es ginge nicht. Er möchte sich gedulden!"

Sie drückte ihrem Duke Dreadnought die Fersen in die Flanken, daß das Pferd aufwieherte und davonstob, Sarahs weiter schwarzer Rock und die ebenso schwarze Pferdedecke darüberflatternd, und kurz darauf der Ensign und seine zwei Begleiter hinterher, ein Bild wie aus der Apokalypse, vier schwarze Reiter im Regen, und der Meldereiter wandte sein Tier müde um.

*

Krachend schlug etwas durch eines der Fenster am Wandelgang, Glas splitterte,  die gezogene Granate glänzte tückisch auf dem noblen Intarsienparkett, und Viscount Bellesford wankte und warf sich neben der Totenbahre zu Boden.
Sorrow sprang, wie eine zusammengedrückte und losgelassene Stahlfeder; er packte die Granate mit beiden Händen, warf sie durch das zerbrochene Fenster und und hörte, wie es in der Luft krachte, sah, wie eine weitere Scheibe zersprang. Er machte einen Klimmzug an dem zerstörten Fenster und spähte hinaus.
Er hörte das Schreien, bevor er den Soldaten sah, das Schreien schüttelte ihn, unten im Gras lag ein Soldat in der ihm so wohlbekannten Uniform, das Gesicht eine Maske von Blut, es war die Maske, die schrie, die in unmenschlichen Qualen schrie.
Sorrow würgte, schloß die Augen, warf den Kopf zur Seite, aber das Schreien wich nicht, die Maske fiel auf sein Gesicht und seine Brust, er taumelte, fand seine Reiterpistole und feuerte nach unten, wie einem Pferd, dem man den Gnadentod gab.
Wie blind tappte Sorrow zu der Stelle, wo  Bellesford zusammengebrochen war, wo der Gärtnerbursche aufgebahrt lag - sie beide hatten den Toten aufgebahrt und für ihn gebetet, sie hatten zwar nach der Magd gerufen, aber weder sie noch jemand anders war erschienen. Bellesford erwachte aus seiner Ohnmacht, als Sorrow sich über ihn neigte.
"Da- wiehert ein Pferd", sagte er schwach.
Sorrow nickte. "Da draußen liegt ein toter Kavallerist." Das Schreien in seinem Kopf war leiser geworden, Gott sei gelobt. "Wir können uns später um ihn kümmern. Jetzt müssen wir zusehen, daß wir nach oben kommen, damit wir die Treppe halten."
"Sorrow", keuchte Lord Bellesford, "wir - wir müssen von hier fort."
"Fort?"
"Fort - weg von hier. Draußen sterben wir vielleicht, aber wenn wir hierbleiben, dann bestimmt -"
Eine merkwürdige Logik, dachte Sorrow. Die Königlichen waren in Auflösung begriffen, und Cromwell mußte ja wissen, wo er war. Gut, es gab beutegierige Mannschaften und Troßleute, die waren zu allem fähig, besonders wenn sie irgendwo an Fusel geraten waren, die fragten nicht lange und legten gleich Feuer, fragen konnte man immer noch hinterher, man brauchte sich dann nicht mehr um die Antwort zu scheren -
"Aber hier ist es immer noch am sichersten. Die Mauern sind stark. Und wir können nicht mehr aus der Stadt heraus, Edmund."
"Aber wir können zu den Soldaten hinausgehen. Zu Cromwell."
Sorrow stockte der Atem.
"Auf dich werden sie wohl kaum schießen. Und was mich betrifft -  du brauchst nicht zu lügen. Sag ihnen, wer ich bin. Sie werden anderes zu tun haben, als sich um mich zu kümmern mitten im Kampf, mehr als gefangennehmen werden sie mich kaum, vielleicht nicht einmal das - mach dir um mich keine Gedanken - "
Noch ein Wort, dachte Sorrow, noch so ein Wort, und er würde zu weinen anfangen wie ein Kind.
"Du mußt dir deine Ehrenbinde umlegen", Bellesfords Stimme klang, als lächelte er, "die ist auf weite Entfernung zu sehen - deine Leute werden sie sofort erkennen -"
"Sie ist oben", schluckte Sorrow. "Ich bin gleich wieder da."
Sorrow hastete die Treppe hinauf in sein Schlafzimmer, zu der Truhe, in der er seine wenigen Sachen untergebracht hatte. Die breite Schärpe lag zuoberst, sorgfältig zusammengefaltet, und Sorrow erinnerte sich, daß es seine kleine Rebecca war, die sie zuletzt geplättet hatte, strahlend, daß man sie für würdig befunden hatte, auf das Ehrenzeichen zu achten. Sorrow schauderte es. Er legte sich in rasender Eile die Schärpe um, steckte noch mehr Pulver und Blei zu sich. Draußen wieherte das Pferd wieder -

- - - "Sie haben Prance erschossen!"
"Mit Verlaub, Ensign, Sir, die haben die Granate hinausgeworfen - "
"Hört auf, ihr Idioten!", schrie Sarah, kreischend wie irr. Ihr Gesicht war käseweiß, und vor Duke Dreadnoughts Maul flockte Schaum. "Absitzen!"
"Die Pistolen für Euch, Mylady?"
"Nein, kalter Stahl!" Und sie flüsterte etwas, das der Ensign nicht mitbekam.
Drei Gestalten rannten über das Gras, auf das Tor zu, Sarah vorneweg. Die Verschnürung an ihrem Wams hatte sich gelöst, es hing nur noch lose über dem Rock, der naß und schwarz gegen ihre Stiefel schlug. Sie lief mit erhobener Klinge, keuchend.
Endlich. Vollenden das Rachewerk, nach Jahren, nach Ewigkeiten, die Schuld auf Heller und Pfennig begleichen! Heute war der Tag und jetzt die Stunde!
Das Tor flog auf, krachte gegen die Wand, der Stoß war so heftig, daß einer der Riegel splitterte. Der Ensign und der Korporal hetzten ihr nach, die Vortreppe hoch, durch den geborstenen Türflügel. Was kümmerten sie Sarah! Heute gab es nur zwei Leute auf der Erde!
Die Treppe!
Von oben her kam ein Geräusch, irgendwo dort hatte sich eine Tür geöffnet, ein erstickter Schrei, dann Metall, das hell auf Metall stieß -

Ein einziger Sprung, ein einziger Satz.

Und Sarahs rechter Arm steifte sich unter dem Gewicht, das von einer Sekunde auf die andere auf ihrem Rapier ruhte, es war eine einzige Bewegung gewesen, unvorhergesehen, der Gegner hatte zur Seite ausweichen und von einer höheren Stufe seine Parade anbringen wollen, und er war direkt auf Sarahs gezückte Waffe gestürzt. Schlaffe Beine, zuckende Arme, ein nutzloser Degen, der klirrend die Stufen hinunterfiel, ein dunkler, nasser, rasch größer werdender Fleck auf einem nagelneuen eleganten Wams, und wie ein Irrlicht gleißend die Degenspitze, die aus dem zuckenden Rücken herausstach, in dunkles kaltes Nichts ragte -
"Saaa -"
Sarah straffte ihren Arm, spürte, wie ihre Zunge über die Zähne fuhr, wie ihre Lippen sich zu einem kleinen erleichterten Lächeln formten-

Der Kopf des Sterbenden fiel nach hinten, und der breitrandige Kavaliershut verlor seinen Halt, glitt zu Boden.
Und Sarah sah das tiefschwarze Haar, schwarzes kurzes Haar, ungeschickt zu Locken gedreht, die brechenden Augen waren braun, nicht grau -

Oben auf der Treppe stand jemand. Dort mußte jemand sein, sie konnte ihn atmen hören -
Sarah hob den Blick.